Mobbing-Opfer wehren sich mit Todesdrohungen

So wehren sich die beiden jungen Frauen gegen ihre Mobber. Die Stimmen wurden verfremdet.
So wehren sich die beiden jungen Frauen gegen ihre Mobber. Die Stimmen wurden verfremdet.
Tausende User kommentieren und verbreiten ein Video, in dem zwei junge Frauen gegen ihre Mobber zurückschlagen. Die Situation eskaliert.
"Ihr Arschlöcher, schämt ihr euch nicht, wie ihr mit uns umgeht?", ruft eine junge Frau in die Kamera. Später holt eine zweite Frau ein Messer hervor und droht: "Mit dem mache ich euch tot!" Das Video ist an Mobber der beiden gerichtet. "Wir haben euch nichts angetan!", so die junge Frau. "Nun müsst ihr leiden, wie wir gelitten haben!"

Das Video kursiert seit kurzem auf Snapchat und in anderen sozialen Medien, Tausende haben es schon gesehen. Hinter dem Video stecken Lorelay C.* und eine Freundin. Begonnen habe alles in einer Straßenbahn. Ihre Freundin und sie seien von einer Gruppe Gleichaltriger angegangen worden. Diese hätten ihnen vorgeworfen, den Freund einer anderen jungen Frau anzumachen.

"Konnten nur flüchten"



Geendet habe diese Auseinandersetzung, indem sie die Tram verlassen und den dreien den Vogel gezeigt hätten, schildert C. ihre Sicht der Dinge. An einem anderen Tag seien sie von Mitgliedern der Gruppe am Bahnhof erkannt worden. "Sie haben uns umzingelt. Wir konnten nur noch flüchten", so C.

CommentCreated with Sketch.0 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Danach sei die Situation auch in den sozialen Medien eskaliert. Die verfeindete Gruppe habe ein Video von ihr, in dem sie sagte, dass sie nichts befürchte, weitergeleitet, so Lorelay C. "Meine Freundin und ich wurden danach online von mehreren Leuten mit dem Tod bedroht."

Hunderte beleidigen online



Das Mobbing sei immer schlimmer geworden, Hunderte hätten sich daran beteiligt. Die Mitglieder der Gruppe hätten ihr gedroht, sie überall zu finden. Es liegen Screenshots vor, die solche Drohungen belegen: "Wir haben deine Nummer herausgefunden, du Schlampe", heißt es dort etwa. "Wir brauchen nur noch den Wohnort, dann ist es das gewesen mit dir". Ein anderer fragt: "Ist das noch ein Mensch?"

C. sagt, richtig eskaliert sei die Situation vor einigen Tagen. Am Bahnhof seien sie wieder mit der Gruppe aneinander geraten. "Sie umzingelten uns und begannen, auf uns einzuprügeln. Wir haben beide Verletzungen am Rücken, an den Haaren und an den Schultern", schildert C.

In Falle gelockt



Ein Screenshot einer Nachricht auf Snapchat untermauert diese Version. Eine der Angreiferinnen schreibt dort, die Gruppe habe Lorelay und ihre Freundin unter dem Vorwand, die Differenzen freundschaftlich zu klären, auf die Terrasse des Bahnhof gelockt. "Wir haben sie dann dort geschlagen." Lorelay sei geflüchtet, aber von dreien verfolgt worden, die sie eingeholt und "auseinander genommen" hätten. Die zurückgebliebene Freundin sei von der ganzen Gruppe geschlagen worden. "Wir hätten weitergemacht, wenn nicht jemand die Bullen gerufen hätte", gibt die Angreiferin freimütig zu.

Lorelay sagt, nach diesem Vorfall habe sie zusammen mit ihrer Mutter Anzeige erstattet und mit der ebenfalls betroffenen Freundin das Video gedreht. Es sei ihr bewusst, dass sie darin andere mit dem Tod bedroht. "Das haben sie aber auch gemacht. Sie sind 1.000, wir sind nur zwei", so C. Damit spielt sie auf die große Zahl von Beleidigungen und Bedrohungen von Personen an, die sie über Social Media erreichten.

"Es gibt nicht nur positive Reaktionen"



Das sei der falsche Weg, sagt der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. "Es gibt keine Rechtfertigung für so einen Gegenschlag", sagt er. "Man darf nicht zurück mobben." Die Vehemenz, die an den Tag gelegt werde, sage auch nichts darüber aus, ob es sich tatsächlich um Mobbing handle. "Um Mobbing handelt es sich, wenn Kollegen, Freunde, Mitarbeiter oder Mitschüler jemanden ausgrenzen oder fertig machen", so Guggenbühl. "Im Internet ist das anders."

Es könne niemand erwarten, online die Öffentlichkeit zu suchen und dann nur positive Reaktionen zu erhalten. "Man kann nicht nur Follower haben", so Guggenbühl. Reaktionen der ganzen Internet-Öffentlichkeit seien so unpersönlich, dass es sich nicht um Mobbing handle. "Solche Reaktionen muss man abstrahieren können. Im Internet wird viel gedreckelt. Wenn man das nicht will, dann sollte man diese Bühne gar nicht erst betreten."

Strengere Gesetze nötig?



Mobbing und Hass-Kommentare in sozialen Medien werden immer zahlreicher. Ein besonders tragisches Ende nahm das Online-Mobbing im Fall Céline. Die 13-jährige Schweizerin nahm sich im August 2017 das Leben. Sie wurde vor ihrem Suizid in den sozialen Netzwerken übel gemobbt. Eine der jungen Frauen, die am Mobbing teilgenommen hatte, nahm danach ein weiteres Video auf, in dem sie eine andere junge Frau beleidigte.

Sie wurde daraufhin selbst zur Zielscheibe des digitalen Hasses und aufgefordert, sich selbst das Leben zu nehmen. Die Eltern von Céline forderten kürzlich, dass Cybermobber aus sozialen Netzwerken wie Instagram oder Snapchat ausgesperrt werden. Das heutige Gesetz schütze die Opfer zu wenig. Man könne wegen Beschimpfung, Drohung oder allenfalls Nötigung belangt werden. "Da ist ein Hohn und wird dem Phänomen niemals gerecht."

Bist du ein Opfer von Mobbing? Hier findest du Hilfe!

Work & People - Zentrum für Mobbingberatung & Konfliktlösung am Arbeitsplatz: workandpeople.at

Rat auf Draht: www.rataufdraht.at

ÖBVP Notfallkontakte: www.psychotherapie.at

Arbeiterkammer - Beratung: www.arbeiterkammer.at

*Name der Redaktion bekannt

(jd/20 Minuten)

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