Scharia-Recht: So grauenhaft sind die Taliban

Die Taliban haben Afghanistan übernommen.
Die Taliban haben Afghanistan übernommen.Xinhua / Action Press / picturedesk.com
Die Taliban sind in Kabul einmarschiert. Das nächste Ziel der radikalislamischen Miliz wird laut einem Experten die Einführung der Scharia sein.

Mit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan fällt immer wieder ein Wort: Die Scharia. Nahost-Experte Erich Gysling hat im Interview mit 20 Minuten vorausgesagt, dass die Scharia nach der Übernahme der Taliban wieder eingeführt werden wird. Doch wobei handelt es sich dabei genau und was umfasst die Scharia alles?

Was ist die Scharia und was regelt sie?

Als Scharia werden alle Gesetze und Normen des Islams bezeichnet. Es handelt sich dabei aber nicht um ein allumfassendes Schriftwerk, das bei rechtlichen Fragen zu Rate gezogen werden kann. Viel eher setzt sich die Scharia aus einer Vielzahl an Schriften aus dem Koran und der Sunna des Propheten – also einer großen Sammlung an Überlieferungen – zusammen. Damit werden alle möglichen Bereiche des Lebens geregelt.

Die Tatsache, dass es sich um eine Ansammlung an verschiedensten Texten handelt, die nicht immer leicht verständlich oder klar formuliert sind, macht es allerdings schwierig, eine einheitliche oder allumfassende Interpretation der Texte zu erstellen. Daher ist man bei der Scharia auf Gelehrte angewiesen, die die Texte interpretieren und Richter, die in Streitfällen Entscheidungen treffen.

Was wird unter der Scharia bestraft?

Wer ein "Vergehen gegen die göttliche Ordnung" begeht – wie es die Scharia festhält – der muss mit einer Bestrafung rechnen. So droht bei außerehelichem Sex beispielsweise der Tod durch Steinigung. Wie die "Tagesschau" berichtet, wird auch der Konsum "berauschender Getränke" hart bestraft. Wer ertappt wird, muss mit 40 bis 80 Peitschenhieben rechnen.

Wie brutal mit Dieben umgegangen wird, zeigt ein Bericht der "Bild"-Zeitung. Darin erklärt der Taliban-Richter Gul Rahim, dass er angeordnet habe, einem Mann, der in ein Haus eingebrochen sei und dort einen Ring geklaut habe, die Hand abzuschneiden. Weiter erklärt Gul Rahim, dass dem Dieb auch ein Bein hätte abgeschnitten werden können, da Einbruch in ein Haus ebenfalls eine Straftat darstellt. Der Besitzer des Rings habe sich aber mit dem Abschneiden der Hand zufrieden gegeben.

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Gul Rahim stellt außerdem klar: "Je nach Verbrechen können wir mit Fingerkuppen oder Fingern beginnen. Für schlimmere Taten durchtrennen wir das Handgelenk, den Ellbogen oder den Oberarm. Für die größten Verbrechen kommt nur Tod durch Steinigung oder Hängen infrage." Dazu zählt auch Homosexualität. Wer beim Sex mit dem gleichen Geschlecht erwischt werde, müsse mit Steinigung rechnen.

Ebenfalls in der Scharia verankert ist die Vergeltungsstrafe. Dabei ist es einem Geschädigten oder seiner Familie erlaubt, Anspruch auf Vergeltung zu erheben. So kann entweder sogenanntes Blutgeld gefordert werden oder dem Täter wird ebenfalls Schaden zugefügt.

Wie steht es um die Gleichberechtigung?

Nicht gut. Laut den islamischen Texten hat ein Mann die "Vollmacht und Verantwortung" über seine Frau. Dies bedeutet, dass die Frau dem Mann gehorchen muss und dem Mann das Recht zugeschrieben wird, seine Frau zu bestrafen, wenn sie dies nicht tut.

Das ist ein harter Rückschlag für die Frauen in Afghanistan, die in den letzten 20 Jahren hart für mehr Freiheiten gekämpft haben. Bereits jetzt sind aber erste Anzeichen des Rückgangs der Rechte für Frauen zu erkennen. So wurden am Sonntag Bilder von Frauen ohne Verschleierungen übermalt, wie der Chef von TOLOnews TV auf Twitter zeigte.

Andere Berichte geben an, dass Familien dazu gezwungen werden, ihre zwölfjährigen Töchter aufzugeben, damit diese mit Taliban-Kämpfern verheiratet werden können. Darüber hinaus müssen Frauen in der Öffentlichkeit ihre Haare bedecken und dürfen vielerorts die Schule nicht besuchen.

Wie setzen die Taliban die Scharia um?

Wie die "Washington Post" berichtet, haben die Taliban angekündigt, ein neues "Islamisches Emirat Afghanistan" einzurichten. Damit würde ein Großteil dessen, was Afghanistan nach der Invasion der USA im Jahr 2001 aufgebaut hat, wieder vernichtet werden. Denn bereits vor der Invasion trug Afghanistan den Namen "Islamisches Emirat Afghanistan". Ein Blick auf diese Zeit könnte Aufschluss darüber geben, was die Taliban dieses Mal für das Land planen.

Bereits damals wurde das "Islamisches Emirat Afghanistan" unter striktem Scharia-Gesetz geführt. An der Spitze stand ein enger Kreis an Taliban-Rebellen, die das Gesetz auf brutalste Weise umgesetzt haben. So wurde es Pflicht für Männer, Bärte zu tragen. Frauen mussten Burkas tragen und Schulen für Frauen wurden geschlossen. Frauen, die sich alleine an öffentlichen Orten aufhielten, konnten geschlagen werden und es wurden regelmäßig öffentliche Hinrichtungen durchgeführt.

Damals stand die UN vor dem schwierigen Entscheid, wie mit einem solch totalitären Regime umgegangen werden sollte. Im Jahr 1998 kam es zu einem Treffen zwischen dem UN-Vertreter Lakhdar Brahimi und Taliban Anführer Mohammad Omar. Laut Brahimi wurde aus diesem Gespräch aber deutlich, dass alle diplomatischen Anstrengungen angesichts der Verletzungen der Menschenrechte in Afghanistan vergeblich waren. Nun wird die internationale Vereinigung vor einen ähnlichen Entscheid gestellt werden.

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