Wien startet mit Flexity in ein neues Bim-Zeitalter

Ab Ende 2018 sollen die ersten neuen Flexity-Straßenbahnen in Wien unterwegs sein. "Heute" hat die neue Super-Bim schon vorab unter die Lupe genommen.
Schon beim Betreten der neuen Straßenbahn fühlt man sich wohl, auch wenn man nicht so genau sagen kann, warum eigentlich. Gegenüber "Heute" haben Bombardier-Geschäftsführer Christian Diewald und Projektleiter Alexander Benesch ein paar der Flexity-Geheimnisse verraten.

Versteckte Technik schafft Platz für Fahrgäste

Ein Hauptgrund für die Wohlfühlatmosphäre ist, dass Fahrgäste im Flexity viel Platz haben. "Bei aktuellen Bestandsfahrzeugen ist die Antriebsausrüstung in den Seitenwänden integriert, wodurch sich die engen Übergänge zwischen den Fahrzeugmodulen ergeben. Im Gegensatz dazu, ist der Antrieb des Flexitys zur Gänze unter dem Zug angebracht. Deswegen können die Übergänge viel breiter gebaut werden und die Straßenbahn ist damit durchgehend gleich breit. Das führt zu einer besseren Durchsicht durch die Bim und macht die Mobilität im Wagon deutlich einfacher und komfortabler", erklärt Flexity-Projektleiter Alexander Benesch.

Drehgestelle für weicheres Gleiten

Für ein deutlich weicheres Fahrverhalten werden beim Flexity drei Drehgestelle mit je zwei Achsen und jeweils vier Rädern sorgen. "Die Drehgestelle drehen in der Kurve mit der Straßenbahn mit und diese läuft so wesentlich ruhiger", so Benesch, gleichzeitig resultiert das auch in weniger Verschleiß und damit in geringerem Wartungsaufwand.

Die elektrischen Steuergeräte sowie die Klimaanlagen sind auf dem Dach der Bim untergebracht, was zusätzlich Platz im Inneren schafft. Der so gewonnene Platz wurde für einen deutlich großzügigeren Auffangraum bei den Einstiegen genutzt. Das beschleunigt nicht nur den Ein- und Aussteigprozess, sondern sorgt auch für einen besseren Personendurchfluss und die Verteilung der Passagiere im Zug.

CommentCreated with Sketch. zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Um die Straßenbahn möglichst sicher zu machen, wurde unter dem Fahrer-Cockpit ein innovatives Stoßdämpfer-System integriert. "Sogenannte Stoßverzehrelemente bieten ein mehrstufiges Schutzkonzept, das auf der neuen Europäischen Crash-Norm basiert. Bei einer Kollision wird so die Aufprallenergie aufgenommen und die Fahrgastzelle geschützt. Zusätzlich haben wir zweistufige Wabenplatten, die sich wie eine Ziehharmonika zusammenfalten und so ebenfalls kinetische Energie abfedern", erklärt Benesch.

Barrierefreiheit für Kinderwägen und Rollstühle

"Zudem stehen in diesen Mehrzweckabteilen auch für bis zu acht Kinderwägen oder zwei Rollstühle ausreichend Platz zur Verfügung. So viel, dass Rollstuhlfahrer auch problemlos reversieren können", erklärt Benesch. Um Menschen mit Rollstuhl besser zu schützen, wird auch ein Rückenbrett in die Straßenbahn integriert, das bei abruptem Bremsen als Art Stoßdämpfer fungiert.

Direkt neben dem Rollstuhlplatz ist ein eigener Haltewunschknopf und eine Gegensprechanlage zum Fahrer installiert, bei deren Betätigung ein Bild an den Fahrer im Cockpit übertragen wird. So weiß der Bim-Fahrer, wann die Rollstuhlklapprampe auf den Gehsteig benötigt wird und kann diese ausklappen.

Eine weitere Innovation ist der Sitz für kleine Fahrgäste im Auffangraum. Dieser Sitzplatz ist bewusst auf eine Sitzhöhe von 40cm herabgesenkt und erleichtert so im Vergleich zu der herkömmlichen Sitzhöhe von 45 bis 48cm das Hinsetzen. "Wir testen nun, wie weit dieser Sitz angenommen wird. Sollte er sich nicht bewähren, kann er leicht auf die Höhe der anderen Sitze angepasst werden", erklärt Benesch.

Drei Arten an Sitzen

Die neue Super-Bim bietet auf einer Gesamtlänge von 34 Metern Platz für 211 Fahrgäste. Darin inkludiert sind zwei Rollstuhlplätze und insgesamt 62 Sitzplätze. "Die Innovation des Flexitys findet sich auch in der Vielfalt der Sitzgelegenheiten", betont der Geschäftsführer der Bombardier Transportation Austria GmbH Christan Diewald. So sorgen neben bekannten Doppel- und Einzelsitzen auch Klappsitze und bewusst breiter entworfene Mutter-Kind-Plätze für mehr Flexibilität.

Wer einen der bequemen Mu-Ki-Sitze im Wageninneren ergattert hat, muss sich keine Sorgen machen, dass er es nicht mehr zum Drücken der Haltewunschtasten schafft. "Bisher entstanden da immer wieder Drängeleien, weil Fahrgäste befürchteten nicht mehr rechtzeitig hinaus zu kommen", schildert Benesch. In der neuen Straßenbahn finden sich die Haltewunschtasten - wie in den Bussen - bewusst auf beiden Seiten des Wagons und so sind leicht zugänglich.

Farben, Licht und Klimaanlage sorgen für angenehme Atmosphäre

Neben der gekonnten Unterbringung der Technik, sorgt auch das Farben- und Lichtkonzept für eine angenehme Atmosphäre. "Wir verwenden bei der Innenbeleuchtung ausschließlich Warntonfarben, bei den Innenfarben haben wir uns an die bekannte Farbgebung der Wiener Linien gehalten. Das heißt, die Sitze sind weiterhin in rot und grau gehalten, die Haltestangen bleiben wie gewohnt gelb. Im Innenraum der neuen Bim kommt zudem eine "Anti-Kratzfolie" sowie eine "Anti-Graffiti-Farbe" zum Einsatz, an der Sprühfarben weniger gut haften bleiben.

Für die Beleuchtung sorgen durchgehende Lichtbänder aus LED-Lampen, die die Wagendecke als Reflektionsfläche benutzen. Dadurch entsteht eine indirekte Beleuchtung, die sehr angenehm wirkt.

Damit den Fahrgästen weder zu kalt noch zu warm wird, ist der gesamte Flexity-Zug klimatisiert. "Die Kühlung orientiert sich an der Zahl der Fahrgäste. Über einen CO2-Messer errechnet die Klimaanlage, wieviel Personen im Wagon sind und passt dann automatisch die Temperatur auf eine angenehme Stufe an", betont Benesch. Ergänzend zur Klimaanlage sorgt auch eine Sonnenschutzfolie für ein angenehmes Raumklima und verhindert, dass die Fahrgäste geblendet werden.

Service im Zug

Um die Fahrgäste rasch über mögliche Störungen auf der Linie oder Umleitungen informieren zu können, wurden auch die Anzeigen im Zug neu entworfen. So wechseln die Displays künftig nicht mehr zwischen Werbeanzeigen und Linieninformationen, sondern zeigen beides gleichzeitig an. "Auf den Zug verteilt, zeigen die Displays das Fahrtziel, die nächsten Stationen sowie den gesamten Linienplan an. Die Anzeigen sind direkt mit dem Rechenzentrum der Wiener Linien verbunden und ermöglichen so die rasche Informationsweitergabe", betont Benesch.

Die nächsten Schritte

Bis der Flexity in Wien in den Vollbetrieb geht, heißt es noch warten. Derzeit wird die Bim ohne Fahrgäste mit intensiven Testfahrten im Öffi-Netz getestet. Parallel dazu muss die Straßenbahn auch den Klimakanal-Test bestehen. Dabei muss der Zug bei Temperaturen zwischen -25 Grad Celsius und +40 Grad Celsius bestehen.

Wirtschaftsfaktor Bombardierwerk

Das Bombardierwerk in der Donaustadt ist das weltweit führende Kompetenzzentrum für Straßen- und Stadtbahnen. "Aktuell beträgt unser Exportanteil rund 80%. Das heißt, wenn irgendwo auf der Welt eine Bombardierbahn unterwegs ist, ist die Chance groß, dass diese in Wien entwickelt und gefertigt wurde", erklärt Geschäftsführer Christian Diewald.

Für die Gold Coast in Australien entwickelte Bombardier die weltweit erste Straßenbahn mit Surfboard-Halter. Zu den nächsten Zieldestinationen zählen etwa Innsbruck, Zürich, Duisburg und Brüssel. Ab 2020 hat Bombardier erhöhten Bedarf an Ingenieuren und Fertigungsmitarbeitern. "Wir sind immer auf der Suche nach qualifiziertem Personal", so Diewald, der sich überzeugt zeigt, dass sich am Standort in den nächsten Jahren viel tun wird. Ein Ziel ist auch das Heben der Frauenquote von derzeit 15% auf mindestens 25%.

Video: Erste Probefahrt



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