Balkan-Blog

16. Januar 2019 07:00; Akt: 22.01.2019 14:12 Print

Weshalb wir Balkan-Kinder so auf Rap abfahren

An dem Tag, als meine Familie nach Wien kam, begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Auch punkto Musik.

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Wenn in der Nacht nur mehr ein paar Straßenlaternen den Gehweg schwach beleuchten und irgendwo aus der Ferne die Stimme RAF Camoras ertönt – dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass gerade ein paar Jugo-Kinder die Gegend unsicher machen.

Ich spreche aus Erfahrung. Als Kind vom Balkan hat mich Musik von klein auf begleitet. Denn im ehemaligen Jugoslawien werden Musiker wie Volkshelden gefeiert. Wer ein falsches Wort gegen Sinan Sakić sagt, erntet im besseren Fall böse Blicke. Im schlechteren Fall muss er damit rechnen, dass Freundschaften gekündigt werden.

Und wer blöd über Lepa Brena redet... okay, niemand redet blöd über Lepa Brena.

Knapp 400 Kilometer von meinem Geburtsort entfernt, eröffnete sich mir eine völlig neue Welt. Bunter und größer als ich sie bislang kannte.

Jedenfalls wurde mir bereits sehr früh eingetrichtert, dass man die musikalischen Balkan-Götter zu verehren hat. Die Lieder über Liebe, Lust und Leid sind in meinem Gehirn tiefer verankert als das kleine Einmaleins. Doch irgendwann trennten sich die Wege von Šaban Šaulić und mir. Und zwar so ziemlich genau an dem Tag, an dem ich in Wien ankam.

Knapp 400 Kilometer von meinem Geburtsort entfernt, eröffnete sich mir eine völlig neue Welt. Bunter und größer als ich sie bislang kannte. Und vor allem: Vielfältiger in Sachen Musik. Ich realisierte, dass es noch mehr gibt als nur Nedeljko Bajić und Co.

Zunächst faszinierten mich die schrillen Stars auf MTV, Michael Jackson, die Spice Girls. Damit kamen meine Eltern auch noch irgendwie zurecht. Problematisch wurde es für sie, als ich in die Pubertät kam. Dann lernte ich Sido, Bushido und Eko Fresh kennen.

Zwar war ich mir fast sicher: Auch ein Sido würde ziemlich kleinlaut werden, wenn meine Mama damit drohte, mit einem Schlapfen nach ihm zu werfen. Aber ...

Warum Deutschrap für mich, wie für viele Jugendliche, so eine wichtige Rolle spielte? Vielleicht, weil es sich damit so wunderbar gegen die Eltern rebellieren ließ. Sido und Co. überschritten lyrisch die Grenzen, die wir im realen Leben nicht anzutasten wagten.

Zwar war ich mir fast sicher: Auch ein Sido würde ziemlich kleinlaut werden, wenn meine Mama damit drohte, mit einem Schlapfen nach ihm zu werfen. Aber wenn man die Texte nur genug laut mitrappte, dann fühlte man sich doch irgendwie – ziemlich stark.

Sorry, Mama! Sorry, Balkan-Götter der Musik!

Und dann war da die Sache mit unserem Lebensstandard. Meine Familie kam mit sehr wenig nach Wien – und wirklich mehr wollte es lange Zeit auch nicht werden. In dieser Situation hat man als Jugendlicher wenig Lust auf die Songs über unerfüllte Liebe. Sorry, Mama! Sorry, Balkan-Götter der Musik!

Viel eher fühlte ich mich verstanden, wenn böse Jungs über das harte Leben auf der Straße rappten. Zog nicht auch ich oft nächtelang durch die Gassen? Lungerte mit Freunden in Parks herum? Dass wir einfach wieder nach Hause gingen, sobald es uns zu blöd (oder zu kalt) wurde, musste ja niemand wissen.

Als die Jahre ins Land und die Trotzphase vorüberzog, näherte ich mich meiner Heimat musikalisch allmählich wieder an. Jetzt gröle ich wieder lautstark mit, wenn auf einer Jugo-Hochzeit "Sunce Moje" von Sinan Sakić aus den Boxen dröhnt. Jede einzelne Zeile ist tief in meinem Hirn – oder meinem Herz – verankert.

Dass die Balkan-Community auch die Musik in Österreich beeinflusst, zeigt ein Blick auf die Youtube-Trends. So finden sich in der Liste Namen wie Jala Brat, Buba Corelli und Rasta. Die Herren rappen von A bis Z auf "Jugo". Dass sie dennoch in den österreichischen Charts auftauchen, macht deutlich, wie klickfreudig die Community ist. Und dürfte ein Ausdruck davon sein, dass sich viele von uns doch hin und wieder nach der "alten Heimat" sehnen. Dass man trotz allem ein bisschen Rebell bleiben will. Auch wenn Sinan Sakić natürlich ultracool ist...

Zu den weiteren Blogs:

>>>> Teil 1: Fluchen mit Balkan-Mama – ein Crash-Kurs

>>>> Teil 2: Balkan-Mamas größte Angst: Ich, unverheiratet

>>>> Teil 3: Meine Freundin, ein Svabo – für Mama ein Skandal

>>>>Teil 4: Der Balkan – die Hölle für Veganer

>>>>Teil 5: Die Balkaner, ihre große Liebe zu Rakija – und ich

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(red)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kannitverstan am 16.01.2019 09:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es stimmt

    Wien liegt am Balkan, oder?

  • Mia am 16.01.2019 10:01 Report Diesen Beitrag melden

    Wie wär´s

    mit einer guten Schul- und Berufsausbildung ? Wäre viel, viel wichtiger.

    einklappen einklappen
  • PeterKarl am 16.01.2019 09:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ach darum..

    fühlen sich die Balkanesen in Wien so wohl.

Die neuesten Leser-Kommentare

  • Patriot am 17.01.2019 17:58 Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt nicht

    Niemand redet blöd über Lepa Brena? Das ist wohl ein Witz oder? In Zagreb durfte sie nicht auftreten,in Sarajevo auch nicht,später hat man sie in Sarajevo leider gelassen. Und viele Bosnier sehen sie als Volksverräterin.

  • Maha am 16.01.2019 13:25 Report Diesen Beitrag melden

    Kinder auf der Straße

    "Nächtelang auf der Straße rumlungern" - meine Eltern hätten das nicht erlaubt..und das war gut so...war ausgeschlafen und konnte daher in der Schule aufpassen und lernen!

  • Robert am 16.01.2019 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Love Rap und HipHop

    Ich liebe diese Musik weil Waffen Drogen und Sex wichtig sind. Fürs Leben wenn es keine Waffen Drogen und Sex in diesen Texten vorkommt ist diese Musik nur Müll

  • Mia am 16.01.2019 10:01 Report Diesen Beitrag melden

    Wie wär´s

    mit einer guten Schul- und Berufsausbildung ? Wäre viel, viel wichtiger.

    • maria am 16.01.2019 11:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mia

      muss man eine schlechte berufsausbildung haben nur weil man raf camora lieder hört??? was ist das für eine aussage bitte!?

    • Doris K. am 16.01.2019 13:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @maria

      Ja!, weil diese Art von Ton und Wortabfolgen nur mit gestörten Synapsenverbindungen zustande kommen kann, die normale Bildung gänzlich ausschließen und lediglich Radikalität zum Ursprung haben !

    einklappen einklappen
  • PeterKarl am 16.01.2019 09:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ach darum..

    fühlen sich die Balkanesen in Wien so wohl.