Balkan-Blog

27. März 2019 05:58; Akt: 27.03.2019 11:08 Print

"Ich ließ mir in Bosnien die Pizza mit dem Taxi liefern"

Am Balkan verdient man nicht sonderlich viel, das ist wohl kein Geheimnis. Das verleitete mich zu einer moralisch fragwürdigen Aktion.

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Am Balkan verdient man nicht sonderlich viel, das ist wohl kein Geheimnis. Das verleitete mich zu einer moralisch fragwürdigen Aktion. Der serbische BMW, der kroatische Stolz und das türkische Bosnien. Am Balkan gibt es klare Unterschiede zwischen den Nationen - die man mit einem Zwinkern betrachten sollte. Von außen wirkt es wohl so, als ob alle Jugos gleich heißen würden. Stimmt natürlich nicht. Und die immer gleiche Endung ist auch gar nicht so besonders. Šaban Šaulic ist der Größte. Da gibt es keinen Zweifel. Seine Musik wird ewig weiterleben. Laut Karl Lagerfeld würde man die Kontrolle über sein Leben verlieren, wenn man eine Jogginghose trägt. Demnach herrscht am Balkan Anarchie. Eine Ein-Zimmer-Wohnung in Wien, aber eine Villa am Balkan. Und das nur, um sie dann ein paar Tage im Jahr zu nutzen. Unser Blogger wuchs am Balkan auf. Dort hat er einige Dinge kennengelernt, die wohl jedem Jugo-Kind bekannt sind. Kennen Sie zum Beispiel Vegeta oder Argeta? Auch in anderen Lebensbereichen gibt es Konfliktpotenzial. Stichwort: Alkohol. Unser Autor rührt nämlich bis heute keinen Rakija an. Als Abstinenzler fühlt er sich am Balkan manchmal wie ein Alien. (Ja, das auf dem Bild neben dem Teletubbie ist wirklich unser Blogger.) Wenn wir schon beim Thema Kulinarik sind - ein kurzer Rückblick Balkan-Kinder wachsen von klein auf mit Unmengen an Fleisch auf. Kommen Vegetarier zu Besuch, wird es kritisch. Denn ein Spanferkel gehört bei uns zu jedem guten Fest. Unser Blogger kennt die Konflikte, Für seine Mama ist dieser Umstand nach wie vor schwer zu verdauen. So eine Hochzeit ist am Balkan das höchste der Gefühle. Unser Blogger verbrachte seine ersten Lebensjahre am Balkan. Eine Beziehung zu Wien bestand aber schon damals: Man beachte das Wiener Kennzeichen. In seinem Blog berichtet er jede Woche von seinem Leben zwischen Sarma und Wiener Schnitzeln. Mehr unter heute.at/balkanblog

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Es ist spät, man hat Hunger und der Kühlschrank ist leer. In Wien suche ich im Internet den Lieferdienst meines Vertrauens heraus und lasse mir meine Ente süß-sauer oder eine Pizza bringen. In Bosnien stieß ich bei dem Vorhaben jedoch an meine Grenzen.

Magen brummt, aber nichts hat offen

Ich war zu Besuch bei Verwandten - und zwar in so einem richtigen Kaff. Weit weg von Sarajevo, wo auch gerne mal die Nacht zum Tag wird. Es war eben ein Dorf, in dem das Haus des Nachbarn einige hundert Meter weit entfernt steht. Straßen gab es keine. Lediglich eine Art Weg, den sich die Autos durch das Fahren selbst "erarbeitet" haben.

Jedenfalls gab es dann eben diese eine Nacht, in der mich der Heißhunger auf Pizza überfallen hat. In der Gegend hatte klarerweise nichts mehr offen. Um in die nächste Stadt zu fahren war ich zu faul. Die war immerhin knapp eine Stunde entfernt. Auto hatte ich sowieso keines parat zu der Zeit. Deshalb versuchte ich, bei einer Pizzeria zu bestellen. Die erste Herausforderung bestand schon einmal darin eine zu finden, die noch geöffnet hatte.

Viel für wenig - zumindest für uns

Nach einigen Minuten war meine Suche tatsächlich erfolgreich und ich hatte jemanden an der Leitung. Jedoch wurde die Euphorie des Erfolges schnell gestoppt. Denn der Herr am anderen Ende der anderen Leitung erklärte mir, dass sie nicht liefern würden. Ich könne lediglich vorbeikommen und mir die Pizza selbst abholen. Doch wie bereits erwähnt: Ich hatte kein Auto.

Meine Situation verleitete mich zu einer sehr unmoralischen Aktion. Man muss wissen, dass ich davor lange nicht in Bosnien war. Die Urlaube verbrachte ich eher in Kroatien und auch das nur recht selten, da ich ja sowieso meine ganze Kindheit lang dort war. Ein bisschen Abwechslung schadet ja nicht. Jedenfalls war ich überrascht, wie günstig alles in den Supermärkten war. Mit nur zehn Euro konnte man sicher seinen Wocheneinkauf erledigen.

Mageres Einkommen am Balkan

Der Grund dafür ist ein äußerst ernster. Denn das Durchschnittsgehalt in Bosnien-Herzegowina beläuft sich auf lediglich 430 Euro im Monat. Das zeigen die Zahlen diverser staatlicher Institutionen. Im Vergleich zu den anderen Balkan-Staaten befindet sich das Land nicht mal auf dem letzten Platz. Denn in Serbien (405 Euro) und Mazedonien (370 Euro) verdient man noch um einiges weniger.

Weiter oben auf der Liste steht überraschenderweise Montenegro mit 512 Euro pro Monat. Überraschend deshalb, da man im Jahr 2006 dort noch lediglich 283 Euro bekam. In Kroatien kann man mit einem Durchschnittsgehalt von 750 Euro im Monat rechnen. Unsere Nachbarn in Slowenien verdienen im Durchschnitt 1.030 Euro pro Monat. In Österreich beträgt das durchschnittliche Einkommen 2.400 Euro.

"Das ist wirklich nicht nötig"

Auf jeden Fall stand ich nun da, mit meinem brummenden Magen und beschloss: Es wird Zeit für ein wenig Dekadenz. Ich bestellte ein Taxi zur Pizzeria und fragte, ob der Fahrer die Pizza für mich abholen und sie mir danach bringen könnte. "Selbstverständlich", erklärte man mir. Und tatsächlich: In weniger als einer Stunde stand ein Taxilenker vor der Tür und überreichte mir lachend eine riesengroße Pizzaschachtel. Die Rechnung: Umgerechnet nicht einmal fünf Euro. Alles inklusive natürlich.

Da ich aber die ganze Sache meiner Faulheit und Verkopftheit zu verdanken hatte - ich hätte immerhin tagsüber etwas einkaufen können - hatte ich ein schlechtes Gewissen. Deshalb legte ich natürlich ein ordentliches Trinkgeld obendrauf und entschuldigte mich beim Fahrer für die Unannehmlichkeit. Wie die Menschen am Balkan aber nun mal sind, wollte er das Geld zunächst gar nicht annehmen und meinte, dass das gar nicht notwendig sei. Aber die Sache mit dem Geld zustecken am Balkan ist wieder eine andere Geschichte - und damit meine ich keine illegalen Geschäfte...

Zu weiteren Geschichten vom Balkan geht es HIER entlang >>>

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(red)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hernalserin am 27.03.2019 07:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ab nach Bosnien!

    Auf nach Bosnien in der Pension! Da kannst du sogar mit der Mindestpension leben wie ein König! In Österreich musst du schon ein Überlebenskünstler sein, wenn du halbwegs über die Runden kommen willst!

  • Hans am 27.03.2019 08:12 Report Diesen Beitrag melden

    Dann kamm anders..

    Vor 20 Jahren noch normal in Wien.Nicht dass Taxi spot bilig war sondern weil Menschen Geld hatten.

  • Harley am 27.03.2019 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    2.400 Durchschnitt? Eher nicht nein

    2.400 Euro Durchschnitt? In welchen Österreich bitte ? Das muss ein zweites sein. Ich kenn sicher 50 Menschen Plus recht gut und keiner hat mehr wir 1.800 maximal Netto. Der Rest von uns schaut mit 1000-1400 durch die Finger. Also bleiben wir mal lieber bei der Realität ja (:

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Die neuesten Leser-Kommentare

  • Branko opi am 30.03.2019 01:16 Report Diesen Beitrag melden

    Märchen

    Also, 1 Stunde Autofahrt + 1 Pizza um 5 (ne lupaj) wo? Maybe in Tungusien, aber sicher nicht in Bosnien, denn 1 L Benzin (Diesel usw.) kostet ca. 1,10 ! 1 Pizza kostet (Landesweit) im Schnitt ca 3,50 ! Also, ich bitte Sie, wenn Sie was schreiben, dann bitte die Wahrheit und keine Märchen, denn heute lässt sich vieles zumindest ausgoogeln! P.S. Taxiunternehmen verlangen ca. 0,50 pro gefahrenen KM - Stand Juni 2018!

  • Harley am 27.03.2019 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    2.400 Durchschnitt? Eher nicht nein

    2.400 Euro Durchschnitt? In welchen Österreich bitte ? Das muss ein zweites sein. Ich kenn sicher 50 Menschen Plus recht gut und keiner hat mehr wir 1.800 maximal Netto. Der Rest von uns schaut mit 1000-1400 durch die Finger. Also bleiben wir mal lieber bei der Realität ja (:

    • Kevin am 29.03.2019 00:16 Report Diesen Beitrag melden

      Unrealistisch?

      Hier die Realität: durchschnittlich ca. 3.000 netto pro Monat, und da bin ich bestimmt nicht der/die Einzige.

    • daisy am 07.04.2019 11:18 Report Diesen Beitrag melden

      Unsinn

      also junge Akademiker haben das sicher nicht netto. Von anderen Österreichern red ich da gar nicht.

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  • Pjotr am 27.03.2019 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    Hätte man sofort vermarkten sollen die Idee..

    Pizza die mit dem Taxi kommt = uberEATS

  • Hans am 27.03.2019 08:12 Report Diesen Beitrag melden

    Dann kamm anders..

    Vor 20 Jahren noch normal in Wien.Nicht dass Taxi spot bilig war sondern weil Menschen Geld hatten.

  • NameVor am 27.03.2019 07:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Titel

    hab ich in london auch gemacht, und?