Wien

Wiens Beamte sollen nur 30 Stunden pro Woche arbeiten

Links fordert eine 30 Stunden Woche für Wiener Gemeindebedienstete. Das sei "gesund, feministisch und ökologisch".
Yvonne Mresch
08.03.2022, 12:07

30 Stunden arbeiten für die gleiche Entlohnung - was vielerorts diskutiert und in anderen Ländern bereits umgesetzt wurde, fordert Links nun für Gemeindebedienstete der Stadt Wien. Die Petition mit 2.000 Unterschriften war Thema des Petitionsausschusses im Rathaus.

"Wer mehr Zeit hat, fährt mit den Öffis"

"Mit dieser Petition an den Wiener Gemeinderat wollen wir ein neues Normal überhaupt erst wieder denk- und besprechbar machen. Eine deutliche Reduktion der Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden für alle wäre längst geboten", so die Vertreter Kurto Wendt und Heide Hammer. Für sie liegen die Vorteile auf der Hand: "Die 30 Stunden Woche bietet vor allem für die vielen Teilzeitbeschäftigten eine deutliche Gehaltserhöhung. Derzeit arbeiten Beschäftigte in der Sozialwirtschaft bereits zu 70 bis 75 Prozent in Teilzeit." Aber, so Links, eine Reduktion der Stunden habe auch ökologische Auswirkungen: "Ein zeitentspannter Haushalt entscheidet sich eher für öffentliche Verkehrsmittel, Fahrrad oder Zufußgehen, macht lieber Urlaubsfahrten mit dem Zug als einen Kurzurlaub mit dem Flugzeug."

"Wenn Arbeit krank macht, geht es nicht um Yogakurse"

Nicht zuletzt am Weltfrauentag wolle man außerdem darauf hinweisen, dass die aktuelle Arbeitsteilung denkbar schlecht für Frauen funktioniere. "Die 30 Stunden Woche zeigt Lösungen zum Abbau der ungleichen Bezahlung auf. Frauen haben in sechs der als systemrelevant bezeichneten Berufe einen Anteil von über 80 Prozent", so Hammer und Wendt.

Links sammelte 2.000 Unterschriften, die Petition wurde im Ausschuss behandelt.
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Auch auf die Gesundheit habe die verkürzte Arbeitszeit einen wesentlichen Einfluss, ist Links sicher. 30 Wochenstunden Arbeit bedeuten mehr Lebensqualität, weniger Stress und Krankheiten. "Gesundheit ist kein persönliches Problem. Wenn Arbeit krank macht, geht es nicht um Yogakurse oder einen gesunden Lebensstil, sondern um radikale Arbeitszeitverkürzung und eine Gesellschaft, die das Wohl aller Menschen in den Mittelpunkt stellt", stellen beide klar.

Häufigste Reaktion auf der Straße: "Irgendwer muss ja mal anfangen"

Diese Meinung teilen zumindest 2.000 Menschen, die die Petition unterschrieben haben. "Anfangs hatten wir ein bisschen die Befürchtung, dass die Menschen sagen würden, den Angestellten der Stadt Wien geht es sowieso schon besser. Wir waren überrascht, dass dieses Argument nur ganz vereinzelt kam. Etwa jede dritte Person, die wir auf der Strasse fragten, war bereit zu unterschreiben", erzählt Wendt. "Irgendwer muss ja mal anfangen, es ist gut wenn die Gemeinde da neue Standards setzt" sei die häufigste Reaktion gewesen. "Es waren auch Pfleger dabei, Kindergärtner der Stadt Wien, aber auch Taxilenker und Maurer. Aktiv nein haben nur Führungskräfte, Pensionisten und Selbständige gesagt."

Stadtrat soll "zukunftsfähige Lösungen entwickeln"

Die Petition von Links wurde am 4. März im Wiener Petitionsausschuss behandelt. Das Ergebnis: Der Ausschuss empfahl dem zuständigen Gemeinderat für Personal, Jürgen Czernohorszky (SPÖ), sich "weiterhin intensiv mit den sozial-gesellschaftlichen und technisch-organisatorischen Veränderungen der Arbeitswelt auseinanderzusetzen und laufend auf die sich ändernden Arbeitsbedingungen und die durch die Digitalisierung ermöglichte räumliche und zeitliche unabhängige Form des Arbeitens zu reagieren." Außerdem solle Czernohorszky wirtschaftlich zukunftsfähige Lösungen im Zusammenhang mit der Arbeitszeit für die Stadt Wien als Arbeitgeber und ihre Mitarbeiter entwickeln. "Wir evaluieren laufend die vielen verschiedenen Arbeitszeitmodelle, die wir in der Stadt haben. Grundsätzlich sind Fragen der Arbeitszeit Gegenstand sozialpartnerschaftlicher Verhandlungen", gibt der Stadtrat dazu gegenüber "Heute" zu verstehen.

"Zu wenig", heißt es von Links. "Für jede Petition sind im Ausschuss 30 Minuten anberaumt. Unsere Präsentation hat zehn Minuten gedauert, es gab keine einzige Nachfrage. Man hat uns nur viel Erfolg gewünscht", so Wendt. "Es ist schon ein bisschen traurig auch, dass man monatelang auf der Straße steht und mit vielen Bürgern redet, über 2.000 Unterschriften sammelt und dann ist es erledigt wie ein kleines Lüfterl."

Österreich und die Arbeitszeit

Zwischen 1970 und 1975 wurde die Arbeitszeit in drei Etappen von 45 auf 40 Stunden reduziert. Diesem General-Kollektivvertrag ging 1969 ein von ÖGB und SPÖ initiiertes Volksbegehren voraus, das fast 900.000 Wahlberechtigte unterzeichneten. Seit den 90er Jahren wurde das Arbeitszeitgesetz mehrfach geändert. 2018 folgte der Beschluss der türkis-blauen Regierung auf eine Höchstarbeitszeit von 12 Stunden pro Tag und 60 Stunden pro Woche. Die Neos stimmten ebenfalls dafür.

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