Die gebürtige Wienerin leidet an chronischen Schmerzen. Damit ist laut Österreichischer Schmerzgesellschaft ein Schmerz gemeint, der länger als zwölf Wochen andauert oder immer wiederkehrt. Bei Ilona A. begann alles 1993.
"Ich hatte damals plötzlich eine Lähmung im linken Bein und musste an den Bandscheiben operiert werden", erinnert sie sich. Es folgte eine weitere Operation sowie ein Reha-Aufenthalt, bevor die Mitte 30-jährige wieder mit dem Laufsport begann. Wenige Zeit später erkrankte A. an Schilddrüsenkrebs, den sie jedoch besiegte und von dem sie heute sagt: "Er war nichts gegen das, was ich danach erlitt."
2005 begannen die Probleme an der Lendenwirbelsäule erneut, die Niederösterreicherin musste vom Schreibtisch ins Spital eingeliefert werden, es folgten wieder Operationen. Das Kuriose: Niemand wusste, woher die Probleme kamen. "Ich wurde immer wieder gefragt, ob ich einen Unfall hatte oder Osteoporose habe. Aber nichts davon war der Fall. Trotzdem ist meine Wirbelsäule angegriffen." Seit diesem Jahr ist Ilona A. chronische Schmerzpatientin.
"Was das bedeutet, kann sich niemand vorstellen und ich wünsche es auch keinem. Es heißt, ich habe diese Schmerzen bis an mein Lebensende - außer es passiert ein Wunder. Es vergeht kein Tag ohne Schmerzen, ich habe sie ständig, wenn auch unterschiedlich stark. Leider gewöhnt man sich ja mit der Zeit daran. Ich würde alles tun, wenn die Schmerzen weggehen", sagt die Pensionistin. In besonders schlimmen Phasen sei die Rettung zwei Mal im Monat vor ihrer Tür gestanden, erzählt sie. Nachts musste sie oft Stunden stehen, da es ihr weder möglich war zu Sitzen, noch zu Liegen.
Um die Schmerzen auszuhalten, nahm sie starke Medikamente: "Das hat mich acht Jahre meines Lebens gekostet", sagt Ilona A. heute. "Meine Psyche war kaputt, mein Gedächtnis hat nicht mehr funktioniert, ich war ein anderer Mensch. Und die Schmerzen waren trotzdem noch da. Ich habe gedacht, das kann doch nicht mein Leben sein. Von einem Pfleger wurde ich als sogar Junkie bezeichnet, da bin ich ausgezuckt." Doch sie kam von den Tabletten los, schaffte einen kalten Entzug auf eigene Faust und sagt: "Heute nehme ich sie nur mehr, wenn es gar nicht geht."
Ihr körperliches Leiden änderte für die tapfere 68-jährige das ganze Leben. Sie musste ihren geliebten Job im Rechnungswesen aufgeben, bezog die Invaliditätspension. Weil sie häufig Treffen absagen musste und das Haus kaum noch verließ, verlor sie Freunde und Bekannte. Die Einsamkeit und die ständigen Schmerzen schlugen sich massiv auf die Psyche: "Ich habe die Schmerzen eigentlich nicht nach außen getragen, mich immer gut gekleidet, war höflich und gepflegt. Niemand wusste, wie schlecht es mir wirklich geht."
Auch finanziell wurden die Schmerzen immer mehr zur Herausforderung. "Ich habe so viel investiert, ich könnte mir zwei Elektroautos darum kaufen. Zuhause liegt ein Stapel Rechnungen", erzählt Ilona A. Das Geld gab sie für Therapien, Wahlärzte und Medikamente aus. Denn als chronische Schmerzpatientin rasch Hilfe zu bekommen, sei eine Illusion, wie sie selbst sagt. "Ich bin, wie so viele, von einem Arzt zum anderen gelaufen und was ich mir alles anhören musste, kann man sich nicht vorstellen. Es fallen Sätze wie 'Sie haben doch keine Schmerzen', 'Was machen Sie da?' oder 'Nehmen Sie einfach ab.' Ich kenne Patienten, die gar nicht mehr zum Arzt gehen, weil sie angeschrien wurden und Angst haben."
Auch an Schmerzambulanzen hatte sich die Pensionistin bereits mehrmals gewandt. "Die sind überfüllt, man bekommt erst Monate später einen Termin. Wie soll das gehen, wenn ich akute Schmerzen habe und jetzt Hilfe brauche? Dann gibt es Ambulanzen, die überhaupt nur zwei Tage die Woche geöffnet haben." Weiters sei es mühsam, immer wieder die Prozedere an Untersuchungen und Berichten durchzulaufen. "Eigentlich bräuchte ich nur eine Infusion, muss aber jedes Mal wieder die ganze Geschichte erzählen und Untersuchungen machen. Ich weiß, es ist eine Utopie, aber es wäre so schön, wenn man wie beim Hausarzt immer zum selben Arzt käme. Und es würde wesentlich schneller gehen, was wiederum den Ambulanzen hilft."
Jahrelang fühlte Ilona A. sich hilflos. "Ich habe an mir selbst gezweifelt, überlegt ob ich zu empfindlich oder sensibel bin. Aber heute bin ich eine mündige Patientin und kein Opfer mehr." Die Niederösterreicherin ist nun regelmäßig bei einem privaten Orthopäden in Behandlung und erhält Physiotherapie und Psychotherapie - ebenso auf eigene Kosten. "Ich habe das Glück, dass ich die beiden gefunden habe und sie mir auch leisten kann. Aber viele andere können das nicht."
Kraft gab ihr die Selbsthilfegruppe Schmerz. "Ich habe plötzlich gemerkt, ich bin nicht allein." Jeder fünfte Österreicher über 16 Jahre leidet laut der "Allianz Chronischer Schmerz" demnach an chronischen Schmerzen. Am stärksten trifft es Personen im Alter von 41 bis 70 Jahren, am häufigsten den Stütz- und Bewegungsapparat, gefolgt von Kopf- und Nervenschmerzen sowie Schmerzen als Folge von Krebserkrankungen. Von den ersten Symptomen bis zur Erstellung einer Diagnose dauert es durchschnittlich 2,5 Jahre. Ilona A. empfiehlt jedem Betroffenen den Austausch mit anderen - und betont: "Ich bedanke mich von Herzen bei jedem, der mir auf meinem Weg geholfen und mir geglaubt hat!"