"Baby-Gangs" terrorisieren die Bürger von Neapel

Kinder im Alter zwischen neun und zwölf Jahren sorgen in Neapel für Angst und Schrecken. Jetzt muss sogar Rom eingreifen.
Die Bewohner von Neapel haben genug: Mit einem massiven Protest riefen sie am Mittwoch dazu auf, die Gewalt in ihrer Stadt zu beenden. Neapel kämpft schon länger mit sogenannten "Baby-Gangs", kriminellen Kinderbanden, die Passanten bestehlen, Obdachlose zusammenschlagen und mit Drogen handeln. Junge Neapolitaner klagen, sie wagten sich abends nicht mehr auf die Straße, berichtet die Zeitung "La Repubblica".

In den vergangenen Wochen ist die Situation außer Kontrolle geraten: Erst am Wochenende wurden zwei Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren von "Babygangstern" umringt, die ihnen die Handys abnahmen und sie mit einer Kette verletzten. Am Sonntagabend bedrohte eine Gruppe einen 16-Jährigen. Erst beleidigten sie ihn, dann brachen sie ihm die Nase. Am Freitag war ein 15-Jähriger von mindestens einem Dutzend Minderjähriger außerhalb einer Metro-Station angegriffen und schwer verletzt worden – ohne offensichtlichen Grund. Seine Milz musste in einer Notoperation entfernt werden. Zuvor waren mehrere Teenager bei Überfällen mit Messern verletzt worden, wie "La Repubblica"schreibt.

Sie agieren mit "Terror-Taktiken"

Die lokalen Behörden schienen machtlos, weshalb jetzt sogar Rom einschritt: Am Dienstag reiste der italienische Innenminister Marco Minniti in die süditalienische Metropole, wo er einen Sicherheitsrat einberief. Die Baby-Gangs agierten "mit terroristischen Methoden", sagte Minniti. Er schicke "umgehend hundert Polizisten" nach Neapel, um für Sicherheit auf den Straßen zu sorgen. Die Zustände nannte er bei einem Treffen mit Familien der Opfer "unhaltbar".

Wie die Zeitung "Il Corriere della Sera" berichtet, tauchten kürzlich mehrere Fotos auf Facebook auf, auf denen Bandenmitglieder posieren. Auf einem Gruppenbild etwa sieht man einen Jungen mit einer Schusswaffe (ob echt oder Attrappe ist unklar), zwei weitere halten drohend Baseballschläger in der Hand. Ein anderes Bild zeigt sie mit Joint – die Kinder sind zwischen neun und zwölf Jahre alt.

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Die Gruppe auf dem Facebook-Foto kommt aus Montesanto, einem Vorort westlich von Neapel. Sie nennt sich die Bande der Parrocchiella. "Wir verbreiten Angst, QS", lautet ihr Motto. "QS" steht für das "Quartier Spagnolo" in Neapels Zentrum, offenbar ihr Aktionsrevier.

Die brutale Aktion einer anderen "Baby-Gang" ist auf Youtube zu sehen: Drei Bandenmitglieder attackieren einen Obdachlosen, der sich in der Einkaufspassage Umberto in der Altstadt Neapels zwischen Kartons schlafen gelegt hatte. Die Aufnahmen zeigen, wie die Jugendlichen mit Fußtritten auf den Mann losgehen. Dann greifen sie einen zweiten Obdachlosen an, der verzweifelt versucht zu flüchten.



Arm und ohne Zukunftsperspektiven

Das Problem der Baby-Gangs ist besonders seit letztem Sommer wieder akut. In den meisten Fällen sind ihre Mitglieder Söhne der Camorra-Bosse, die die italienische Polizei in den letzten Jahren fasste. Die Kinder wachsen verwahrlost in armen Vororten Neapels auf und versuchen jetzt, das Revier ihrer Väter zu übernehmen. Zukunftsperspektiven haben sie kaum.

"Weil sich die Eltern nicht kümmern und Großeltern fehlen, kennen die jungen Gangster nur das Gesetz der Straße, wo sie aufgewachsen sind. Sie machen sich ihre eigene Ordnung draußen, bei den Kumpels", schreibt die Polizistin und Schriftstellerin Ornella della Libera in einem ihrer Bücher. Außerdem kämen sie früh mit Drogen in Kontakt, selten habe ein 12-Jähriger noch keine Erfahrung damit.

Die Baby-Mafiosi seien hemmungslos und brutal, unter anderem, weil sie den Ehrenkodex der Väter nicht mehr kennen würden. "Sie schießen, statt zu verhandeln", so della Libera. (kle)

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