"Ich war einen Tag in Tschernobyl"

Vor 33 Jahren sorgte die Atomkatastrophe von Tschernobyl für Angst und Schrecken. Der Grünen-Politiker Clemens Stammler machte sich nun auf Spurensuche.

"Das schlimmste war eigentlich das ständige Piepsen des Geigerzählers, das immer darauf hinwies, dass die Strahlenbelastung erhöht ist!"

Clemens Stammler (45), Biobauer aus St. Konrad (Bez. Gmunden) und Grünen-Politiker, ist noch immer tief beeindruckt und vor allem bedrückt.

Für einen Tag hat er Tschernobyl besucht. Jenen Ort in der heutigen Ukraine, der vor 33 Jahren traurige Berühmtheit erlangte. Durch einen Atom-Supergau am 26. April 1986 wurde die Gegend weiträumig verstrahlt, ganz Europa hatte Angst vor den Folgen.

Der Super-Gau in Tschernobyl

Am Samstag, 26. April 1986, um 1.23 Uhr ereignete sich die größte Katastrophe in der Geschichte der Atomindustrie.
Bei einer Simulation eines vollständigen Stromausfalls kam es aufgrund schwerwiegender Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften sowie der bauartbedingten Eigenschaften des Kernreaktors zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg und in der Folge zur Explosion des Reaktors und zu einem Brand. Innerhalb der ersten zehn Tage nach der Explosion wurde eine Radioaktivität von mehreren Trillionen Becquerel in die Erdatmosphäre freigesetzt. Die so in die Atmosphäre gelangten radioaktiven Stoffe kontaminierten infolge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl sowie viele Länder in Europa. Im November 1986 wurde ein aus Stahlbeton bestehender provisorischer Schutzmantel, der meist als Sarkophag bezeichnet wird, gebaut.

Die WHO hält in einem gemeinsam mit den Vereinten Nationen und der Internationalen Atomenergie-Organisation erstellten Bericht insgesamt weltweit ca. 4.000 Todesopfer für möglich. Andere Schätzungen sprechen (Erkrankungen an Strahlenkrebs eingeschlossen) von bis zu 60.000 Todesfällen infolge der Katastrophe. (Quelle: Wikipedia)

"Ich bin damals politisiert worden. Auch, weil ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin und damals die Atomkatastrophe unmittelbare Auswirkungen auf die Landwirtschaft hatte. Wir durften zum Beispiel kein Grünfutter verfüttern", sagt Stammler.

Jetzt, ziemlich genau 33 Jahre später, ist die Angst vor der Atomkraft nicht mehr allgegenwärtig. "Sogar ich als Grüner habe mir zuletzt oft gedacht, dass dieses beständige Warnen von Landesrat Rudi Anschober keinen mehr interessiert", gesteht Stammler.

"Natürlich hatte ich ein mulmiges Gefühl"

Deshalb ist er nun in die Ukranie geflogen, um Tschernobyl zu besuchen. "Natürlich hatte ich ein mulmiges Gefühlt. Mein 21-jähriger Sohn wollte auch mit, dem hab' ich es aber ausgeredet", erzählt Stammler im Gespräch mit "Heute".

Interessant: "Es gibt mittlerweile drei Reiseanbieter, die mit Bussen nach Tschernobyl fahren. Das ist dort ein Tourismuszweig", so Stammler.

Mit einem Kleinbus fuhr er zum Reaktor, der gleich neben der Stadt Prypjat liegt. Sie wurde 1970 wegen des Atomreaktors gebaut. "Das ist schon sehr unheimlich. Die Stadt hatte vor 33 Jahren etwa 44.000 Einwohner. Die Hochhäuser wurden alle evakuiert. Jetzt ist es eine Geisterstadt", so Stammler.

"Die Menschen mussten alles zurücklassen"

Er schaute sich das verlassene Autodrom an, das verwittert ist, und die zahlreichen Hochhäuser, die seit drei Jahrzehnten leer stehen und langsam verfallen. "Ich bin in eines der Häuser, das ist schon sehr bedrückend. Man sieht, dass die Menschen damals alles zurücklassen mussten", sagt der Politiker.

Einfach waren die Stunden (es waren etwa fünf) nicht. "Natürlich sieht man die Strahlung nicht, es schaut auch alles normal aus. Da sind keine fünfbeinigen Füchse oder so", berichtet Stammler. Bis auf 30 Meter kam er an dem Reaktor heran, über den eine riesige Betonhalle (der sogenannte Sarkophag) gebaut wurde, der die Strahlung abhalten soll.

"Es gibt viele Atomkraftwerke in Europa, die sehr alt sind"

"Das war schon eine sehr beklemmende Erfahrung und macht einem bewusst, wie gefährlich Atomenergie ist. Wir müssen uns klar sein, dass es in Europa noch immer rund 70 Atomkraftwerke gibt. Viele sind schon mehr als 20 Jahre alt", warnt Clemens Stammler.

Sogar Kernkraftwerke jenes Typs, den es in Tschernobyl gab, sind noch in Russland in Betrieb. "Wenn man bedenkt, dass hier 430.000 Hektar Erde verstrahlt und evakuiert wurden, ist das ein Wahnsinn", so Stammler.

Dem Bauern fiel zudem eine besondere Sache auf, die ihm zu Denken gibt: "Wenn eine Grünfläche 30 Jahre nicht bewirtschaftet wird, wird das normal ein Wald. Hier ist es noch immer eine Grünfläche. Es wächst nichts."



(gs)

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