"Der Moment der Wahrheit": Hexenjagd im Info-Zeitalter

Die US-Präsidentschaftswahl 2004: News-Produzentin Mary Mapes (Cate Blanchett) berichtet, dass George W. Bush seinen Wehrdienst in Vietnam umgangen habe und gerät dadurch ins mediale und öffentliche Kreuzfeuer. Sehenswertes Drama über eine politisch brisante Hexenjagd.
Die US-Präsidentschaftswahl 2004: News-Produzentin Mary Mapes () berichtet, dass George W. Bush seinen Wehrdienst in Vietnam umgangen habe und gerät dadurch ins mediale und öffentliche Kreuzfeuer. Sehenswertes Drama über eine politisch brisante Hexenjagd.



Mary Mapes produziert das renommierte Nachrichten-Format "60 Minutes". Im Zuge des Wahlkampfs zwischen Bush und Kerry beleuchtet die investigative Journalistin die militärische Vergangenheit von George W. und entdeckt dabei alarmierende Unregelmäßigkeiten. Statt in Vietnam soll der amtierende Präsident seine Zeit auf heimischem Grund und Boden abgesessen haben - und dabei nicht einmal physisch anwesend gewesen sein.

Als ein pensionierter Colonel (Stacy Keach) Mapes Kopien von Dokumenten zuspielt, die diese These untermauern, scheint die Story perfekt. Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern (Topher Grace, ) veröffentlicht Mapes ihre Recherchen. Die Dokumente bilden einen kleinen, aber zentralen Teil des Berichts. Keine 24 Stunden nach der Ausstrahlung zweifeln Internet-Blogger die Echtheit der Dokumente an. Nicht George W. Bush muss sich rechtfertigen, sondern die Journalisten.

Wenig Thrill, dafür düster und gut

Die letzte Hollywood-Produktion über eine Aufdecker-Reportage wurde bei der Oscar-Verleihung 2016 zum besten Film gekürt. Im Vergleich zu ist "Der Moment der Wahrheit" etwas konventioneller geraten; ein Spannungsbogen ist erkennbar, die Rollen sind auf ihre Stars zugeschnitten. Mindestens zwei entscheidende Elemente sind beiden Filmen allerdings gemein: Der Verzicht auf pulssteigernden Thrill und das Nichtvorhandensein greifbarer Antagonisten. "Spotlight" zeigt die vergewaltigenden Priester nicht, "Der Moment der Wahrheit" verzichtet auf ränkeschmiedende Politiker.

Beide Filme befassen sich mit (investigativem) Journalismus, in beiden Filmen spielen Machtmissbrauch und Freunderlwirtschaft wichtige Rollen. Während "Spotlight" in diesem Rahmen systemische, institutionalisierte Misshandlung anprangert, geht es in "Der Moment der Wahrheit" um die Aufnahme, den Umgang und die Verarbeitung von Informationen im Internet-Zeitalter. Wahrheiten sind längst nicht mehr absolut, sie werden mittels Pseudo-Expertisen, Ablenkungsmanövern und Cybermobbing ausgefochten. Drehbuchautor () und Regiedebütant James Vanderbilt verpackt das topaktuelle Thema in ein sehenswertes Drama, das eine düstere Bilanz der Polit- und Medienwelt präsentiert.

"Der Moment der Wahrheit" startet am 3. Juni 2016 in den österreichischen Kinos.

 
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