"Die Nazis schlugen schon vor Hitler auf mich ein"

Als Hitler einmarschierte, musste Eric Sanders (98) seine Wiener Schule verlassen, fliehen. Jetzt kehrte er in sein Gymnasium in der Astgasse zurück.
Dienstag, 10 Uhr. Im Veranstaltungssaal des Wiener Goethe-Gymnasiums lauschen 300 Schüler sowie geladene Gäste den Worten Eric Sanders (98). Die Stimme des Holocaust-Überlebenden ist leise, die Geschichte über sein Flucht und sein Kampf gegen Hitler voller Kraft.

"Es gab damals schon Nazis, die auf mich einschlugen"

Eric, der heute in London lebt, wuchs in einer jüdischen Familie in Hitzing auf, der begabte junge Musiker besuchte das Goethe-Gymnasium in der Astgasse. Damals hieß Eric Sanders noch Ignaz Schwarz.

Der Antisemitismus war schon vor Hitlers Ankunft stark zu spüren, auch Eric fiel dem Hass zum Opfer: „Es gab damals schon Schüler, die Nazis waren und es an mir ausließen, sie schlugen mich. Und ich war nicht nur Jude, sondern auch klein und ein Feigling. In der letzten Klasse hörte es auf, da verlor ich meine Angst und schlug zurück. Ironie des Schicksals: Seinen Namen Ignaz verwandelten die Schüler in den Spitznamen NAZI. „Ich konnte nichts tun, die Nazis, die meinen Tod wollten, waren Nazis – und ich eben auch einer".

CommentCreated with Sketch. Jetzt kommentieren Arrow-RightCreated with Sketch. "Hätte mich Hitler direkt angesehen, hätter er gesehen wie wütend ich war"

Die Szenen, als Hitler einmarschierte, hat Sanders heute noch vor Augen: „Als ich hörte, dass er kommt, rannte ich zur Wienzeile. Er erschien auf einem Militärfahrzeug, stand ganz vorne. Einige sagten, er hatte seinen Arm von der Grenze weg bis hierher ausgestreckt gehalten, andere behaupteten, bei der Hand handle es sich um eine Holzattrappe. Ich kann mir beides vorstellen.

Ich schaute Hitler damals direkt an, er mich nicht. Sonst hätte er gesehen, wie wütend ich auf ihn war. Damals wusste ich, es ist alles vorbei, ich muss hier weg".

"Eine britische Beamtin rettete mir das Leben"

Ignaz plante die Flucht nach London. Besonders bitter: Der damalige Schüler und Schlagerkomponist wollte in Wien Musik studieren – ein Traum der, wegen Hitler niemals wahr wurde.

Um sein Leben zu retten, musste Ignaz raus aus Wien, aber die Flucht nach England gestaltete sich als schwierig: Flüchten konnte nur jene, die eine Stelle in Großbritannien als Dienstmädchen, Lehrling , Bauer oder einen Studienplatz hatten. Ignaz Schwarz konnte keine der Kriterien erfüllen, die Flucht gelang ihm nur durch ein Wunder: Als er in Wien bei der britischen Botschaft um ein Visum ansuchte, dass er eigentlich nicht bekommen hätte dürfen, rettet ihm eine die zuständige Beamtin das Leben: Sie gab Ignaz den Stempel für sein Visum. Erst später erfuhr er, dass jene Beamtin ununterbrochen die Regeln gebrochen hatte, um Juden zu retten.

In der britischen Armee, um gegen Hitler zu kämpfen



In London nahmt Ignaz Schwarz den Namen Eric Sanders an, arbeitet auf dem Feld, molk Kühe. Nach dem ersten deutschen Luftangriff auf London meldete sich Sanders bei der Armee an: „Ich wollte etwas gegen Hitler tun". In einer Spezialeinheit des Geheimdienstes ließ er sich für Fallschirm-Einsätze in Österreich ausbilden, aber noch vor seinem ersten Einsatz ist der Krieg zu Ende. Nach Wien wollte er niemals zurück, ausschlaggebend war sein Vater: „Er fragte mich damals, ob ich ernsthaft glaube, dass nur weil der Krieg vorbei ist, es keine Nazis mehr gebe?"

Als einer der letzten Zeitzeugen reist Sanders heute aber gerne nach Wien und in seine alte Schule, erzählt dort den jungen Menschen seit mehrern Jahren seine bewegende Geschichte, die meist mit einer Botschaft an die jungen Leute endet: „Ihr müsst euer Leben selbst gut machen, denn niemand anders kann das für euch tun …"

Wer mehr über Eric Sanders erfahren will, dem empfehlen wir seine Biografie: Emigration ins Leben, Czernin-Verlag, Preis: 24,80 €.

(isa)

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