"Für Handke nahm ich eine Pilzvergiftung in Kauf"

Kulturjournalist Heinz Sichrovsky über den frischgebackenen Nobelpreisträger Peter Handke. Nach Elfriede Jelinek der Zweite aus Österreich.
Sie sind nicht einmal per Du. Und das, obwohl Peter Handke Taufpate der Tochter des Journalisten ist. In "Heute" spricht Sichrovsky über ein eigenes Verhältnis und Eigenheiten eines Literaten.

Wenn Peter Handke etwas zu sagen hat, dann vertraut er sich in der Heimat seit Jahrzehnten exakt einem Mann an – Heinz Sichrovsky, "Kulturpapst" und Vater jenes Kindes, dessen Taufpate der große Peter Handke ist. Und dennoch: "Er ist nicht mein Freund, wir sind nicht einmal per Du, sondern Vertraute."

Zweiter Literaturnobelpreis-Träger aus Österreich



CommentCreated with Sketch.4 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Interviews mit dem Schriftsteller bahnt Sichrovsky noch gemäß alter Schule an. "Ich rufe zu den Telefonzeiten auf Handkes Festnetzapparat in Frankreich an und wir vereinbaren einen Termin. Das Handy existiert nur zu Alarmzwecken. Gestern habe ich die Nummer für ein Glückwunsch-SMS bemüht. Eines von mutmaßlich Millionen – es blieb natürlich unbeantwortet."

Kommt ein Termin zustande, fährt Sichrovsky persönlich nach Chaville, 12 Kilometer südwestlich des Pariser Stadtzentrums. Dort bewohnt der erst zweite Literaturnobelpreis-Träger aus Österreich (nach Elfriede Jelinek 2004) "ein wunderschönes Jugendstilhaus". Sichrovsky findet bei seinem Eintreffen aber zunächst meist nur einen Zettel vor, keinen Gesprächspartner. "Ich bin noch Pilze sammeln, gehen Sie ins Haus", steht da etwa drauf.

Sehnsucht



Seine Ausbeute verkochte der 76-Jährige vor Jahren einmal zu einem Gröstl, verfeinert mit nicht ganz reifen Erdäpfeln und Maroni, um es dem Gast vorzusetzen. "Als er es auf den Tisch stellte, meinte Handke: ‚Essen S' des lieber nicht'." Sichrovskys Antwort: "Für Sie nehme ich sogar eine schwere Pilzvergiftung in Kauf."

Am Pariser Airport wurde der Journalist dann zum "frequent traveller" auf der Destination Richtung Toilettekabine. Schmankerl weniger dubioser Herkunft aus Österreich (Handkes Mutter ist Kärntner Slowenin, der Vater deutscher Soldat) übersendet der "erlesen"-Moderator mitunter per Post: "Speck, Wurst und gute österreichische Weißweine. Eine gewisse Sehnsucht ist ja doch da."

"Nicht für Mehrsamkeit gebaut"



Apropos Sehnsucht: Handke ist in zweiter Ehe mit der Französin Sophie Semin verheiratet: "Sie lebt in Paris. Er ist vielleicht nicht für Mehrsamkeit gebaut", mutmaßt Sichrovsky. Wie er das Wesen des Literaten beschreiben würde? "Er vereint Geduld und Ungeduld in sich. Einerseits legt er beim Wandern unglaubliche Distanzen zurück, andererseits kann er sich maßlos erregen."

Etwa als er wegen seiner Position im Jugoslawien-Krieg ins Kreuzfeuer der Kritik geriet: "Da stand ich wie ein Berserker hinter ihm", so Sichrovksy. Handke wurde später Taufpate seiner ältesten Tochter Dorothea. "Er ist nicht religiös, glaubt aber an Dinge über dem Erklärbaren."

Leicht erklärbar ist dafür, woran der prämierte Handke derzeit arbeitet: "An einem Auftragsstück für das 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele 2020." Über den Nobelpreis (mit 850.000 Euro dotiert) sagt Sichrovsky: "Ich bin hemmungslos glücklich. Zielgerichteter hätte man nicht auszeichnen können."

Peter Handke: Ein Weltstar aus Kärnten



Der 1942 im Kärntner Griffen geborene Peter Handke schafft wie kaum ein anderer deutschsprachiger Autor den schnellen Wechsel zwischen gefeiert und gefürchtet. Ab seinem Debütroman "Die Hornissen" (1966) wurde er kultisch verehrt, spätestens ab seinen "Publikumsbeschimpfungen" (1969) aber auch heftig diskutiert.

In über 50 Jahren hat er knapp 90 Bühnenstücke und Bücher geschrieben, das letzte ("Die Obstdiebin") 2017. Handke lebt seit 30 Jahren im französischen Chaville.

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