"Heute" studierte mit einem Doppelmörder

Weiterbildung in Haft: "Heute" schaute sich einen Tag lang in der "WG der schweren Jungs" in Suben (OÖ) um.
Küche, Wohnzimmer, Bad – die ungewöhnlichste WG des Landes hat drei Zimmer, ist rund 20 Quadratmeter groß. An der Wand hängt ein Bayern-München-Poster. Die Einrichtung ist spartanisch: Kochnische, Esstisch, zwei Stockbetten, Fernsehapparat, ein schmaler Schreibtisch mit Laptop und Drucker. „Eigentlich hat man hier alles", scherzt der Hausherr, „nur die Aussicht ist halt bescheiden".

Studenten-WG zweier Mörder

Der 38-Jährige deutet auf die Gitterstäbe vor dem Fenster. Sein Mitbewohner (42) und er sitzen in der Justizanstalt Suben (OÖ), weil sie jeweils zu hohen Haftstrafen wegen Mordes verurteilt wurden.

"Studium ist meine einzige Chance"

Bereits wenige Wochen nach seiner Verurteilung 2014 sagte der Mörder in „Heute", dass er die Haft für ein Jus-Studium nützen möchte. Nun kommt es zur Verwirklichung. „Das ist meine einzige Chance, um nach der Entlassung wieder Fuß zu fassen. Wenn ich jetzt nichts mache, bin ich bis zum Ende meiner Tage Sozialhilfeempfänger und liege dem Steuerzahler auf der Tasche. Das will ich nicht."

CommentCreated with Sketch.9 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Zweifach-Killer will Sohn (4) stolz machen

Dass er zwei Menschen das Leben nahm, bereut er zutiefst. „Aber ich arbeite Tag für Tag daran, ein besserer Mensch zu werden. Das Jus-Studium ist eine gute Möglichkeit, die Zeit im Gefängnis sinnvoll zu nützen." Der HAK-Absolvent will seinen vierjährigen Sohn Elias (Name geändert) noch einmal im Leben stolz machen: „Es ist ohnehin schon ein riesen Rucksack, dass sein Vater ein Doppelmörder ist."

Weiterbildung in Haft ist den Chefs der Justizanstalt Suben (OÖ) ein Anliegen: Oberst Gerd Katzelberger und sein Stellvertreter Major Johannes Gruber
Weiterbildung in Haft ist den Chefs der Justizanstalt Suben (OÖ) ein Anliegen: Oberst Gerd Katzelberger und sein Stellvertreter Major Johannes Gruber
Zwei Prüfungen im Herbst

Derzeit hat er einen ausgefüllten Terminplan. Im September stehen zwei Prüfungen am Programm. „Ich studiere an der Fernuniversität Hagen in Deutschland. Momentan eigne ich mir im sogenannten Propädeutikum juristische Grundlagen an." Für die Ausbildung müssen die angehenden Akademiker das Gefängnis nicht verlassen. Es wurde ein eigener Arbeitsbereich außerhalb der Zelle für die beiden geschaffen, abgetrennt durch einen Paravan. "Hier können wir täglich zwei Stunden mit einer e-learning-Plattform Aufgaben erledigen und uns auf Klausuren vorbereiten. Mit den Professoren besprechen wir uns via Webcam und Kopfhörern. Bei Fragen hilft uns eine Beamtin, die im direkten Kontakt mit der Universität in Hagen steht", schildert der Insasse.

Internet für Häftlinge gesperrt

„Die Insassen dürfen aber nur die für sie freigeschaltete Lernplattform besuchen, das Internet ist gesperrt, jedes E-Mail wird vor dem Versand von uns gecheckt", stellt Ausbildungsleiter-Stv. Anton Zweimüller klar. Er ist Herr über die Ausbildung im Haus.

"Struktur geben"

Derzeit gibt es 20 Lehrlinge in Suben (12 Bäcker, 8 Schlosser) und eben zwei Studenten. „Wir sind mit dem Fernstudium Vorreiter in Österreich, wollten aber klein anfangen, mit überschaubaren Gruppen, und erst wenn es ein Erfolg ist, ausbauen", sagt Oberst Gerd Katzelberger, Leiter des Hauses.

Sein Vize Johannes Gruber ergänzt: „Ob Job, Lehre oder Studium: Wichtig ist, die Leute während ihrer Zeit in Haft sinnvoll zu beschäftigen und ihnen Struktur zu geben. Viele von ihnen haben bei uns erstmals in ihrem Leben einen geregelten Tagesablauf. Wir haben zwischen 200 und 220 Arbeitsplätze. Derzeit herrscht beinahe Vollbeschäftigung."

Häf'n-Alltag: Essen, Arbeit, Lernen

Für die Studenten beginnt der Tag um sieben Uhr. „Frühstück, dann arbeiten wir in der Buchbinderei, später gibt's ein Mittagessen und ab dem Nachmittag wird gelernt."

Wenn wie jetzt Prüfungen anstehen, geht das Licht in der WG erst gegen 22:00 Uhr aus: „Meine Kollegen und ich sprechen uns aber ab. Wenn jemand schlafen möchte, weichen die anderen in die Küche aus. Daher ist das Wohngruppen-System optimal für uns."

Studium kostet ihn 600 € pro Semester

Mit seinem Job verdient der Zweifach-Mörder monatlich rund 120 €. "Ein Teil des Geldes wird für die Zeit nach meiner Haftentlassung einbehalten, mit einem Teil finanziere ich Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke für die Familie. Und auch das Studium ist teuer. Pro Semester brauche ich zwischen 500 und 600 Euro für Bücher, Lehrmittel und Studiengebühren."

Nur Kaffeemaschine fehlt für Nachtschichten

„Das Einzige, was uns wirklich fehlt, um richtige Studenten zu sein, ist eine gute Espressomaschine." Und bei entsprechenden Lernerfolgen ist irgendwann vielleicht sogar das triste Vorleben der Häftlinge Kaffee von gestern …

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