"Ich will nicht mit seinen Eltern abhängen!"

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Selma und ihr Freund sind verlobt. Bis zur Heirat will sie ihm klarmachen, dass sie sich ihr Leben mit ihm anders vorstellt, als er es sich gewohnt ist.
Frage von Selma (22) an Doktor Sex: Ich und mein Verlobter wollen in zwei Jahren heiraten. Wir sind beide sehr glücklich zusammen und ich freue mich auf die Zeit mit ihm. Wir sind auch beide sehr familiär und unternehmen viel mit unseren Angehörigen. Nach der Hochzeit werde ich zu ihm ins Haus seiner Eltern ziehen. Das stört mich eigentlich nicht, denn ich mag sie sehr.

Was ich aber in der Zwischenzeit bemerke, ist, dass mir der für mich übertriebene Zusammenhalt in seiner Familie auf die Nerven geht. Wir können nie etwas spontan unternehmen, ohne dass jeder davon erfährt oder jemand anderes dabei ist.

Er hat auch immer Schuldgefühle, wenn seine Eltern oder Geschwister mal zu Hause bleiben müssen. Irgendwie sind sie alle so abhängig voneinander. Ich bin anders erzogen worden. Jeder in der Familie tut das, wonach er gerade Lust hat. Meine Eltern sind sehr eigenständig, gehen viel aus und unternehmen auch vieles gemeinsam.

Wie kann ich ihm klarmachen, dass ich mir mein Leben mit ihm anders vorstelle? Schließlich heirate ich ihn und nicht seine ganze Familie. Es gibt Grenzen! Ich will einfach mehr Privatsphäre und nicht nonstop mit seinen Eltern abhängen. Verletzen will ich ihn aber auch nicht.

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Liebe Selma

Jede Lebensgemeinschaft ist ein kleiner Kosmos für sich, in dem eigene Regeln und Normen gelten. Aus diesem Grund ist es für Außenstehende meist schwierig und oft sogar unmöglich, die Gesetzmäßigkeiten zu durchschauen, die in einem Familiensystem gelten und zu erkennen, was in welchem Moment zu tun oder zu lassen ist.

Oft sind sich die Angehörigen einer Familie selber gar nicht bewusst, nach welchen ausgesprochenen beziehungsweise unausgesprochenen und daher oft auch unbewussten Prinzipien ihr Zusammenleben strukturiert ist. Entsprechend kann es für eine außenstehende Person sehr herausfordernd sein, sich einzuordnen.

Wenn zwei Menschen ihre Herkunftssysteme verlassen und eine neue Liebes- und Lebensgemeinschaft gründen, prallen zwei völlig verschiedene Lebensmodelle aufeinander. Die ersten Wochen und Monate sind daher besonders ergiebig, wenn es darum geht, den eigenen Prägungen und denjenigen der Partnerin oder des Partners auf die Spur zu kommen.

Wichtig ist jedoch, in dieser Zeit achtsam und sorgfältig zu sein. Also nicht einfach auf dem zu bestehen, was man bisher als richtig erachtet hat und das Gegenüber dafür zu verurteilen, dass es einem einen Spiegel vorhält, in dem die eigenen unbewussten Gewohnheiten sichtbar werden. Sonst verstrickt man sich nämlich unweigerlich in heftige Machtkämpfe.

Aufgrund dessen, wie du dein Anliegen schilderst und wie differenziert und sensibel du die unterschiedlichen Familiensysteme analysierst, habe ich absolut keine Zweifel daran, dass es dir gelingen wird, die richtigen Worte zu finden, um deinem Freund dein – in meinen Augen übrigens absolut berechtigtes – Anliegen verständlich zu machen.

Wenn du es schaffst, ihm die Vorteile aufzuzeigen, die dein Vorgehen für ihn haben könnten und dass es dir nicht darum geht, ihm seine Familie vorzuenthalten, dürfte deine Mission ein Erfolg werden. Viel Glück!

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