"Ich wurde abgefüllt und missbraucht!"

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Rita hat in ihrer Kindheit Erlebnisse gehabt, die sie heute beim Sex massiv einschränken. Was kann sie tun, um das Liebesspiel genießen zu können?
Frage von Rita (21) an Doktor Sex: Ich wurde mit 13 Jahren mit Alkohol abgefüllt und danach sexuell missbraucht. Danach zog ich mich für Monate zurück und suchte die Gründe bei mir. Auch in meiner Kindheit gab es schon Erlebnisse bezüglich Sex, die für mich traumatisch waren: So hörte ich mehrmals meine Mutter beim Sex stöhnen und einmal sah ich sie dabei auch. Irgendwann schaffte ich es aber, mit all dem umzugehen.

Mit 16 verliebte ich mich zum ersten Mal und nach einigen Monaten kam es dann auch zum Geschlechtsverkehr. Ich fühlte mich dabei nicht gut und wartete die ganze Zeit nur darauf, dass es vorbei ist. Man sagt ja, der Spaß am Sex komme erst mit der Zeit, wenn man sich damit etwas auskennt. Für mich wurde es aber auch später nicht besser. Die Beziehung ging dann bald zu Ende.

Seither blocke ich total ab und unterbinde jeden Kontakt, sobald zwischen mir und einem Mann etwas Ernstes entstehen könnte. Nun weiß ich nicht, ob das daran liegt, dass ich auch nach fünf Jahren noch immer an mein erstes Mal denke oder ob es mit meinen Erlebnissen in der Kindheit zu tun hat. Was denkst du: Soll ich mir fachliche Hilfe holen und wenn ja, welche?

Antwort von Doktor Sex



CommentCreated with Sketch. Jetzt kommentieren Arrow-RightCreated with Sketch. Liebe Rita

Gewalterfahrungen können sich bei Menschen unterschiedlich intensiv einprägen. Manche finden für sich allein oder mit einem Partner oder einer Partnerin zusammen einen Weg, damit umzugehen. Für andere sind die Erlebnisse nicht zugänglich, weshalb sie manchmal über Jahre daran leiden. Du scheinst zu Letzteren zu gehören. Ich empfehle dir daher, deine Geschichte mit Hilfe einer Fachperson aufzuarbeiten.

Neben Gesprächen können dafür auch körpertherapeutische Settings hilfreich sein. Diese ermöglichen dir nämlich, auch auf der physischen Ebene einen Zugang zu deinen Kindheitserlebnissen zu finden und das im Körper abgespeicherte Muster aufzulösen. Infrage kämen dafür beispielsweise Somatic Experiencing oder Shiatsu. Manche Therapeuten kombinieren die beiden Methoden.

In diesen Therapieformen geht man davon aus, dass ein Trauma entsteht, wenn bei einem Schreckerlebnis der ursprünglich natürliche Zyklus von Orientierung, Flucht, Kampf und Immobilitätsreaktion nicht vollständig durchlaufen werden kann, was dazu führt, dass die vom Körper im Alarmzustand bereitgestellte Überlebensenergie vom Nervensystem nur unvollständig oder verzögert aufgelöst und daher im Körper abgespeichert wird.

Der Organismus reagiert in der Folge weiterhin auf eine Bedrohung, die real gar nicht mehr existiert. Für die Betroffenen entstehen dadurch oft verwirrende und auch beängstigende psychische und somatische Symptome, die sich manchmal erst Jahre später zeigen. In der Körpertherapie wird das traumatische Ereignis primär körperlich, aber auch kognitiv, also in Form von Gesprächen aufgearbeitet.

Indem du dich deiner Vergangenheit bewusst stellst und das Erlebte in deine Biografie integrierst, wirst du freier werden im Umgang mit Situationen, die dich an die unangenehmen Vorfälle erinnern. Du wirst erkennen, dass du heute als erwachsene Frau Grenzen ziehen und dich schützen kannst. Es wird daher auch keinen Grund mehr geben, dich vor Kontakten mit Männern schützen zu müssen. Alles Gute!

Deine Frage an Doktor Sex: doktor.sex@heute.ch

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