"Ist es normal, an der Beziehung zu zweifeln?"

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Immer wieder hinterfragt Norina ihre nun schon acht Jahre dauernde Partnerschaft. Sind diese Zweifel ein Zeichen für das nahende Ende?

Frage von Norina (29) an Doktor Sex: Mein Freund und ich sind seit acht Jahren zusammen. Von Anfang an war ich mir nicht sicher, ob ich ihn so sehr liebe wie er mich. Vor einem Jahr habe ich mich dann getrennt. Ein paar Monate später hatte ich aber wieder ein Kribbeln im Bauch, wenn ich ihn traf. Weil er versprach, sich zu ändern, kamen wir wieder zusammen. Nun stehen wir wieder am gleichen Punkt. Und erneut verspricht er, ein anderer zu werden. Er wird alles versuchen, um mich nicht zu verlieren, das weiß ich. Aber ich bezweifle, dass sich ein Mensch wirklich umfassend ändern kann und befürchte, dass ich immer wieder an den Punkt kommen werde, an dem ich mich von ihm trennen möchte. Ist es denn normal, eine Beziehung immer wieder zu hinterfragen? Oder ist dies ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ich gehen sollte?

Antwort von Doktor Sex



Liebe Norina

Was ist schon normal? Dass wir jeden Morgen aufstehen und arbeiten gehen, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen? Dass wir uns verlieben und Beziehungen eingehen, von denen wir hoffen, dass sie für immer halten werden, um dann irgendwann ernüchtert festzustellen, dass es doch nicht geklappt hat? Oder dass wir uns aus diesem Leben wegträumen in ein anderes, besseres, friedlicheres, gerechteres, wo alles genau so ist, wie wir es uns wünschen?

Ich denke, es ist sinnlos, im Raster von Ursache und Wirkung eine Antwort auf deine Frage zu suchen. Denn: Auch wenn uns die Wissenschaften weismachen wollen, dass Menschen und ihr Verhalten berechenbar sind wie Maschinen, zeigt uns das Leben jeden Tag aufs Neue, dass dies nicht stimmt. Wäre es nämlich tatsächlich so, müssten viele Probleme, an denen Menschen täglich leiden, schon längst weitgehend aus der Welt geschafft worden sein.

Ob und wie umfassend ein Mensch sich verändern kann, ist Teil der Grundfrage "Was ist der Mensch?". Diese ist wohl so alt wie die Menschheit selber und es wurden dazu unzählige Schriften verfasst. Wenn du magst, kannst du dir ja die eine oder andere davon zu Gemüte führen. Letztlich kann dich aber keine Lektüre davon befreien, selber Verantwortung für dein Leben zu übernehmen. Ich empfehle dir daher, dich nicht zu sehr auf die Ratschläge anderer zu verlassen und stattdessen selber nachzudenken über das Menschsein – und damit über dich und deine Beziehungen.

Ich persönlich gehe davon aus, dass es möglich ist, sich zu verändern. Diese Möglichkeit ist aber immer mehr oder weniger stark beeinflusst. Einerseits von äußeren Gegebenheiten und andererseits von den Charaktereigenschaften eines Menschen. Die "totale" Veränderung jedoch, also der vollständige Umbau der Persönlichkeits- und Verhaltensstrukturen, scheint mir unmöglich, und ich denke deshalb, dass dem Vorhaben deines Freundes Grenzen gesetzt sind.

In einer Welt der unzähligen Möglichkeiten ist der Zweifel des Menschen ständiger Begleiter. Nicht nur was Beziehungen angeht, erinnert er uns immer wieder daran, dass wir unser Leben auch anders gestalten könnten. Gleichzeitig weist er uns aber auch auf unsere Freiheit hin, wählen zu dürfen. Deine Ausführungen legen den Schluss nahe, dass du und dein Freund an einem Punkt angelangt sind, wo diese Wahlfreiheit einen besonderen Stellenwert erhält. Vielleicht mögt ihr euch ja in den kommenden Tagen einmal zusammensetzen und ein Gespräch darüber führen, wie ihr damit umgehen wollt. (wer)

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