"Jedem dritten Reisebüro in Österreich droht das Aus"

Reise-Experte Robert C. Chlebec spricht im "Heute"-Interview über die schwierige Lage des Tourismus in Zeiten des Coronavirus.

"Heute":Ab Mitte Mai soll der Tourismus in Österreich schrittweise wieder hochgefahren werden. Wie groß werden die Schäden bis dahin sein?

Robert C. Chlebec: Die entstandenen Schäden bei den in Österreich tätigen Reisebüros und Reiseveranstaltern muss man sich folgendermaßen vorstellen: Kunden buchten ihre Urlaubsreisen für die Abreisen März, April, Mai und Juni 2020 bereits ab September des Vorjahres. Also war die Reisebranche mit Buchungsaufgaben für diese Abreisezeit bereits seit mehr als sechs Monaten beschäftigt. Die Kosten wie Personal, Mieten, Werbung (Inserate, Kataloge, TV Spots Messen, etc.) entstanden in diesen Monaten. Der wirtschaftliche Erfolg im Reisebüro bzw. auch beim Veranstalter stellt sich allerdings erst bei Abreise der Urlaubsreise ein. Nachdem die Reisen allerdings jetzt kostenlos storniert werden, entfällt der Umsatz und es bleiben nur die bereits bezahlten Kosten. Der Schaden geht in die mehreren hundert Millionen Euro.

Ist abzusehen, wie lange es dauern wird, bis sich die Betriebe erholen werden?

Der Outgoing-Tourismus braucht eine gewisse Vorlaufzeit, um wieder an zu starten. Dazu zählen die Fluglinien, Reedereien, etc., die wieder ihren regelmäßigen Betrieb aufnehmen müssen. Das Erholen der Betriebe nach dieser Krise wird sicher mehrere Jahre dauern.

Die Österreicher sind aufgerufen, im Inland Urlaub zu machen und auf Auslandsreisen zu verzichten. Kann die Wirtschaft durch diese Stoßrichtung zumindest ein bisschen abgefangen werden?

Ich denke, für die Hotels in Österreich, ist das ein hilfreicher Schritt, denn die Gäste aus dem Ausland werden sicher die nächsten Monate ausbleiben. Für die Reisebüros und Reiseveranstalter in Österreich, die hauptsächlich Reisen ins Ausland anbieten, hilft das natürlich nicht.

Werden die ausländischen Gäste nach der schlechten Presse von Ischgl nach der Krise überhaupt noch kommen?

Das denke ich schon, denn Österreich ist ein wunderschönes Land und Urlaub in Österreich, noch dazu wo die Sommer immer heißer werden, bietet für jeden das Richtige.

Zur Person
Robert C. Chlebec ist Geschäftsführer von "AllesReise.at". Die Website kuratiert täglich empfehlenswerte Urlaubsreisen aus 100.000 Angeboten.

Welche Tourismusbereiche in Österreich sind ganz besonders getroffen von der Krise?

Die Reisebüros und Reiseveranstalter in Österreich sind von der Krise besonders betroffen, da Auslandsreisen in den nächsten Monaten aufgrund der Einschränkungen der Regierungen, zur Vermeidung der Ansteckung mit Covid-19, nicht möglich sind. In den Reisebüros und bei den Reiseveranstaltern ist damit jeder zweite Arbeitsplatz massiv gefährdet und es wird befürchtet, dass jedes dritte Unternehmen in Österreich zusperren wird.

Ab wann ist es wieder möglich, Kreuzfahrten zu machen oder mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen?

Momentan ist es nicht möglich zu sagen, ab wann wir wieder uneingeschränkt ins Ausland reisen dürfen. Nachdem die Situation weltweit noch unklar ist, wird es nur eingeschränkt möglich sein, ins Ausland zu reisen. Die Reiseveranstalter brauchen eigentlich eine monatelange Vorlaufzeit für die Planung und Bewerbung der künftigen Reiseziele. Reisen in ferne Länder anzubieten, ohne Gewissheit der garantierten Durchführung, birgt für Reiseveranstalter ein enorm großes Risiko. Dies gilt genau so für Fluglinien und Reedereien, sowohl auf der Hochsee als auch am Fluss. Ob im Herbst 2020 noch Reisen ins Ausland angeboten werden, ist aus meiner Sicht fraglich.

Die Voraussetzung ist, dass von den Regierungen keine Quarantänemaßnahmen nach Reisen angekündigt werden bzw. es Medikamente gegen den Virus gibt.

Wie werden sich die großen Probleme der Flugbranche auf den Tourismus auswirken?

Die Fluglinien kassieren von Kunden und auch von Reiseveranstaltern den Flugpreis unmittelbar bei Buchungsabschluss, auch wenn die Flugreise erst in mehreren Monaten stattfindet. Dies führt dazu, dass die Fluglinien treuhändig mit den erhaltenen Geldern umgehen müssen. Im jetzigen Fall der Flugabsagen müssten die Fluglinien die erhaltenen Zahlungen unmittelbar an die Kunden und auch an die Reiseveranstalter zurückzahlen. Dies passiert jedoch derzeit nicht. Fluglinien bieten lediglich Gutscheine an.

Gegen dieses Vorgehen der Fluglinien ist vehement vorzugehen, denn die Reiseveranstalter sind verpflichtet, den Kunden die geleisteten Zahlungen zu refundierten, erhalten diese jedoch nicht von der Airline. Dieser Umstand ist für Reiseveranstalter konkursgefährdend und für Kunden schlichtweg unakzeptabel. Auch für Airlines gelten bestehende Gesetze.

Denken wir nur an den Konkurs der Air Berlin und wie viele Kunden dabei ihr Geld verloren haben. Sollte die Airline auch jetzt in Konkurs gehen, passiert wieder dasselbe. Der Forderung der Reisebranche nach einer Insolvenzabsicherung für Fluglinien wurde bis heute nicht nachgekommen. Ein Beispiel ist die Austrian, die nun wieder Staatshilfe in Höhe von 800 Millionen Euro beantragt. Da fragt man sich, wo die Zahlungen der Kunden und Reiseveranstalter hin verschwunden sind.

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Maria Theresia von ÖsterreichInterviewWirtschaftskammerCoronavirus

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