"Kollegen kamen, nur um mich zu bestaunen!"

Die Maske hat Anna Badora längst abgelegt - auch, wenn sie die neue Volkstheater-Ära am Samstag mit Fritschs Anti-Heimatroman "Fasching" startet. Ein Gespräch über zu viel Gezaudere, zu wenig Geld und Themen, die das "neue" Volk bewegen.

 

Die Maske hat Anna Badora längst abgelegt – auch, wenn sie die neue Volkstheater-Ära am Samstag mit Fritschs Anti-Heimatroman "Fasching" startet. Ein Gespräch über zu viel Gezaudere, zu wenig Geld und Themen, die das "neue" Volk bewegen.
Heute: Sie starten Ihre Intendanz mit "Fasching", eine Geschichte über einen Deserteur im 2. Weltkrieg, der in Frauenkleidern überlebt. Warum geht’s ausgerechnet mit Vergangenheitsbewältigung in die Zukunft?

Anna Badora: Der Roman ist viel mehr, als das. Der 17-jährige Deserteur wird als Mädchen verkleidet. Er rettet in dieser Verkleidung das Städtchen, und dann kehrt er nach 12 Jahren aus Kriegsgefangenschaft zurück und wird verhöhnt statt geehrt. Die Logik lautet: Deserteur und Weib ist gleich Feigling.

Heute: Und wer darf der Held sein?

Badora: Keiner. Und da wären wir schon beim Thema Zivilcourage: Es gibt im Leben ständig Situationen, wo man sich gegen oder für etwas entscheiden muss. Zaudern löst keine Probleme. Aber Zaudern ist den Österreichern leider nicht fremd, da hat sich seit damals wenig verbessert.

Heute: Apropos Fasching: Mussten Sie sich als erste Regiestudentin am Reinhardt-Seminar und später als Intendantin in Düsseldorf maskieren, um zwischen den Bühnendespoten zu überleben?

Badora: Im Seminar fand ich es noch lustig, als mich die Kollegen bestaunen kamen. In Düsseldorf verging mir das Lachen. Es war hart, ich hatte extreme Probleme mit dem damaligen Oberbürgermeister. Er wollte mich loswerden und hat das auch medial kundgetan. Es wurde unmissverständlich deutlich gemacht, dass es nicht an mir als Polin liegt, sondern an mir als Frau.

Heute: Ihr Schlachtplan?

Badora: Ich habe gekämpft und auch meine Schwangerschaft versteckt. Ich war kurz davor, die Verträge für zwei Inszenierungen zu unterschreiben und ich wusste, schwanger würden sie ohne mich stattfinden. Bis zum 7. Monat habe ich weite Pullis angezogen und geübt, wie man sich bewegt und sitzt, dass man den Bauch nicht sieht. Dann habe ich gesagt, ich fahre in die Südsee zum Segeln und habe meinen Sohn geboren. Zwei Wochen nach Geburt war ich im Sonnenstudio und bin zurück ans Theater. Dann habe ich inszeniert. Das war 1989.

Heute: Verrückt. So etwas funktioniert aber nur mit lückenloser Fremdbetreuung.

Badora: Ja, ich hatte viel Hilfe von Verwandten aus Polen. Später habe ich mich mit Kolleginnen zu einer Art Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen. Jede nahm die Kinder, wenn sie nicht proben mussten.

Heute: "Die Grundsituation setzt mir Grenzen", so die Diagnose in Ihrer Antrittsrede. Welche?

Badora: Das Haus ist stark unterdotiert, dringend renovierungsbedürftig und Reformen müssen endlich angepackt werden. Da steht das Volkstheater für das ganze Land.

Heute: Die Generalsanierung ist ja bereits beschlossen, jetzt braucht's nur noch 35 Millionen Euro …

Badora: Nach der grundsätzlichen Absichtserklärung der Stadt fehlen uns jetzt die belastbaren Zusagen von Stadt und Bund. Ich bin aber überzeugt, wir kriegen das hin. Mit der Sanierung des Zuschauerraums für bessere Akustik und Blick wurden die ersten Schritte in den vergangenen Wochen getan. Diese wurde u.a. durch eine Crowdfunding-Aktion ermöglicht.

Heute: Sie bringen 18 neue Schauspieler und Schauspielerinnen ans Haus, nur vier aus dem alten Ensemble dürfen bleiben? Sind die anderen nicht gut genug?

Badora: Da geht es nicht ausschließlich um die Qualität der Schauspieler, sondern um den gewohnten Regiestil der neuen Regisseure, der ganz bestimmte Anforderungen an das Ensemble stellt. Und dieses Zusammenspiel ermöglicht wiederum Qualität. Die Kündigungen sind der unangenehmste Teil eines Neustarts, aber ein üblicher. Ich glaube, Michael Schottenberg hat von Emmy Werners Ensemble 2005 noch weniger übernommen.

Heute: Wo steht das Volkstheater heute? Was sind die Themen, wer ist das Volk?

Badora: Wir wollen uns mit Österreich und der Stadt Wien auseinandersetzen, in dem wir beides in seiner Diversität, Widersprüchlichkeit und internationalen Geschichte untersuchen und dann in Bildern und Geschichten auf die Bühne bringen.

Heute: Was sind die Themen, die das Volk bewegen?

Badora: Alle Themen der Stadt. Junge Menschen, die sich von Demagogen überreden lassen, in fremden Ländern für etwas zu kämpfen, das mit ihnen nichts zu tun hat. Wie in "Überzeugungskampf". Oder Arbeitslosigkeit in "Marienthaler Dachs" und die Flüchtlingsthematik in "Homohalal".

Heute: Stichwort Burgtheater-Skandal 2014: Welche Erkenntnis ziehen Sie daraus?

Badora: Es war nicht Unfähigkeit eines einzelnen Menschen, es war das Versagen eines ganzen Systems. Abläufe müssen geändert werden. Aber ich habe den Eindruck, dass Karin Bergmann im Rahmen dessen, was man als Intendantin ändern kann, auf gutem Weg ist.

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