"Mehr Studienplätze für Ärzte? Falscher Ansatz!"

Eingangsbereich des Medizinischen Universitätscampus AKH Wien
Eingangsbereich des Medizinischen Universitätscampus AKH WienBild: MedUni Wien
Die Politik fordert eine Aufstockung der Studienplätze. "Es krankt an den Rahmenbedingungen nach dem Studium", kontert MedUni-Rektor Markus Müller.
Immer wieder fällt das Thema „Ärztemangel" in Österreich. Überfüllte Warteräume, überforderte Praxen und keine ausreichende ärztliche Versorgung am Land. Die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner fordert jetzt in einem ORF-Interview die Verdoppelung der Studienplätze als Lösung für das Problem. Für Markus Müller, Rektor der MedUni Wien und zugleich größter Ärzte-Ausbilder des Landes, geht dieser Vorschlag am Thema vorbei.

"Wir müssen das Loch stopfen, anstatt es mit Wasser zu füllen"

Rund 16.443 Frauen und Männer bewarben sich dieses Jahr für ein Medizinstudium, 6500 stellten sich alleine in Wien dem neunstündigen Verfahren. Nur rund 1700 wurden nach den Aufnahmetests in Österreich für das Studium zugelassen. In Wien gab es rund neun Anwärter für einen Studienplatz. Dennoch ist sich der Rektor der MedUni sicher, dass eine Verdoppelung der Studienplätze keine geeignete Maßnahme sei, um den Ärztemangel zu beheben. „Diese simple Betrachtungsweise, wäre wie die Lösung für den Kübel mit einem Loch immer mehr Wasser nachzufüllen. Sinnvoller wäre es jedoch das Loch zu stopfen!", betont der Universitätsdirektor.

Rektor: "Österreich bildet genügend Ärzte aus"

Österreich hat eine der höchsten Ärztedichten innerhalb der OECD Länder (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist eine internationale Organisation mit 36 Mitgliedstaaten) und im internationalen Vergleich stehe Österreich zusätzlich als Spitzenausbilder dar. Österreich biete

CommentCreated with Sketch.9 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. (laut OECD) nämlich 14 Plätze pro 100.000 Einwohner an. Deutschland lediglich 12 Studienplätze, die USA hingegen nur 8, und die Schweiz biete 11 Studienplätze pro 100.000 Einwohner an. "Zu meiner Zeit wurde vor dem Ärzteberuf gewarnt und man sprach von Ärzteschwemme. Seit den 2000er Jahren spricht man vom Ärztemangel. Fakt ist, dass wir genug Ärzte ausbilden, wir müssen sie aber auch an uns binden", so der Rektor.

Mobile Generation der jungen Ärzte braucht attraktive Anreize

„Die jungen Ärzte sind zusätzlich eine mobile Generation und sie gehen dorthin, wo sie die besten Arbeitskonditionen erhalten", erklärt der Mediziner im Gespräch mit „Heute". Nur sechs von zehn Turnusärzten würden im Land bleiben. Viele gehen nach Deutschland oder in die Schweiz, da sie dort eine bessere Aussicht für ihre Karriere sehen", erklärt der Direktor der MedUni. „Insofern wäre der Ansatz nicht noch mehr Ärzte zu produzieren, die dann ins Ausland gehen, sondern das Geld in die Attraktivierung der Standorts Österreich und in Kassenverträge zu investieren." Folgende Ideen könnten für ihn sinnvolle Maßnahmen gegen einen Ärztemangel darstellen:

1Bleibeverpflichtung bzw. Anreiz schaffen

Damit die Absolventen im Land bleiben, könnte man eine berufliche Bleibeverpflichtung schaffen, eine Bindung des Arztes an das österreichische Gesundheitssystem, sobald dieser hier studiere. Immerhin koste die Ausbildung eines Arztes dem Staat einige hunderttausende Euro. Hier gebe es jedoch noch rechtliche Grenzen, betonte Markus Müller.

2Arbeitsstandort attraktivieren

Die Krankenkassen müssten den Ärzten mehr bieten. Der Trend zum Facharzt komme daher, dass man als Allgemeinarzt wenig verdiene. Ein Arzt am Land bekomme, beispielsweise für einen Hausbesuch auf der Alm 30 Euro, das sei eindeutig zu wenig.

3Gruppen-Praxen oder neue Job-Sharing Modelle

Diese seien im niedergelassenen Bereich seien interessanter für junge Generationen. International sei es üblich, dass ein bis drei Ärzte mit zusätzlichem medizinischen Personal zusammenarbeiten. Würde man so ein Versorgungsmodell auf Österreich umlegen, könnte man die Kapazität deutlich erhöhen. Die sogenannten Ärztezentren und die Neuregelung, dass Ärzte andere Ärzte 40 Stunden anstellen können, seien Schritte in die richtige Richtung.

Träger müssen direkt an den Unis recruiten

Träger von Krankenanstalten sollen direkt an den Universität ihre „Ärzte" recruiten. „Derzeit wird zu wenig getan um die guten Ärzte sofort abzuwerben. Es gibt ein 'Miss-Matching' zwischen Angebot und Nachfrage", erklärt Markus Müller.

Trend zum Facharzttum entgegenwirken

Immer weniger wollen in der Allgemeinmedizin bleiben, meint Müller, da der Verdienst so niedrig ist. Dieses Ungleichgewicht müssen Versicherungsträger und der Staat ausgleichen. "Der gute alte Hausarzt ist einfach zu schlecht bezahlt", ergänzt der MedUni-Rektor. Ein weiteres Mangelfach sei beispielsweise "Kinderpsychatrie". Hier müssen dringend überzeugende Anreize für die Ärzte geschaffen werden.

Markus Müller ist seit 2015 Rektor der größten Medizinuniversität Österreichs und somit der größte Ausbilder des Landes für zukünftige Ärzte. Der in Klagenfurt geborene Internist und Klinische Pharmakologe promovierte selbst 2013 an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien und absolvierte Forschungsaufenthalte in Schweden und den USA.

(no)

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