"Missbrauch prägt mein Leben bis heute"

Das ehemalige Heimkind Gertrude H. (67) klagt an: "Verfahren werden bewusst verzögert".
Das ehemalige Heimkind Gertrude H. (67) klagt an: "Verfahren werden bewusst verzögert".Bild: Christian Ort

Gegenüber "Heute" erzählt Gertrude H. (67), wie sie als Heimkind geschlagen und gedemütigt wurde. Nun tritt sie gegen das erlittene Unrecht auf.

Gertrude H. (67) lernte früh, zu kämpfen. Für sich und gegen die Umstände ihrer Kindheit. Bereits im Alter von 14 Monaten wurde die Wienerin der staatlichen Fürsorge übergeben, weil die Mutter nicht wusste, wie sie ihre Kinder ernähren sollte. Laut den Aufzeichnungen jener Zeit sei der Vater "arbeitsscheu, ein Wirtshausmusiker, der seine Fürsorgepflicht für die Familie nicht ernst nimmt". Das Amt vermerkt im Oktober 1952, "die Miete wurde seit sieben Monaten nicht bezahlt, Gas und Licht sind seit Wochen abgedreht".

"Ich wurde von Heim zu Heim gereicht"

Weil auch die Mutter als "nicht erziehungsfähig" eingestuft wurde, wurde Gertrude von einem Heim zum nächsten weitergereicht. Alleine von Juli 1963 bis zum Juli 1969 war sie in acht verschiedenen Kinder- und Erziehungsheimen oder anderen temporären Unterbringungen. In vielen Heimen wurde sie geschlagen und gedemütigt. "Einmal musste ich vor der ganzen Gruppe mit 20 Kindern zur Strafe auf einem Holzscheit knien. Das war extrem erniedrigend", erinnert sich Frau H.

"Ich wurde mit Pulvern ruhig gestellt, dann im Keller eingesperrt"

Die letzte Station ihrer "staatlichen Erziehung" führte Gertrude H. in die ehemalige Bundeserziehungsanstalt Wiener Neudorf. "Ich war von 1967 bis Juli 1969 in dem Kloster. Das wäre meine Strafe, weil ich aus dem früheren Heim laufen wollte". Gut behandelt wurde sie aber nach eigener Aussage auch dort nicht. "Sie haben mich wochenweise in einem Keller eingesperrt, mich mit Pulvern im Tee ruhig gestellt", erinnert sich Getrude H.

Erst ihre Heirat im Jahr 1970 beendete die Odyssee und das ehemalige Heimkind lernte erstmal so etwas wie ein echtes Zuhause kennen. Lange hielt das Glück aber nicht: "Die Geschwister meines Mannes waren gegen mich, weil ich ein Heimkind war, 1974 waren wir wieder geschieden", so die Wienerin.

Ihre Erlebnisse hätten Spuren hinterlassen, die sie bis heute prägen. "Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern, aber ich kann die Ungerechtigkeit aufzeigen", erklärt Gertrude H. Im Juli 2017 wandte sie sich wegen Entschädigung an den Weißen Ring, der sie ans Sozialministerium verwies. Nun liege der Fall bei der Volksanwaltschaft, so die Pensionistin.

"Wenn ich in der Grube bin, muss der Staat keine Entschädigung mehr zahlen"

"Da geht nichts weiter", ärgert sich die Wienerin. "Die haben alle Akten und trotzdem gibt es keine Entscheidung. Manchmal bekomme ich das Gefühl, dass Verfahren solange hinausgezögert werden, um Geld zu sparen. Denn wenn ich in der Grube bin, muss der Staat keine Entschädigung mehr zahlen", so Frau H.

Die Volksanwaltschaft Wien weist den Vorwurf entschieden zurück. "Die Volksanwaltschaft hat das Verfahren um Frau H. im November 2018 eingeleitet. Im Durchschnitt dauert das rund ein halbes Jahr, das heißt bis Sommer wird das Verfahren voraussichtlich abgeschlossen sein. Die Chancen, dass Frau H. die Rente zugesprochen wird, stehen recht gut", erklärt Johanna Wimberger von der Volksanwaltschaft Wien auf "Heute"-Anfrage.

"Geht nicht um Geld, sondern um Gerechtigkeit"

Dabei gehe es ihr gar nicht um das Geld, sondern um Gerechtigkeit, betonte die Pensionistin. "Es gibt viele Leute, die Ähnliches erlebt haben, sich aber nicht trauen, ihre Geschichte zu erzählen. Ich glaube aber, dass man bei Ungerechtigkeit die Stimme erheben muss, wir müssen uns nicht alles gefallen lassen", ist Gertrude H. bis heute kämpferisch. (lok)

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