"Weinen im Job ist nichts, wofür man sich schämen sollte"

Weinen im Job ist nach wie vor eher ein tabuisiertes Thema - das jedoch ohne Grund.
Weinen im Job ist nach wie vor eher ein tabuisiertes Thema - das jedoch ohne Grund.Bild: iStock
Laut einer Umfrage haben acht von zehn Personen auf der Arbeit schon einmal geweint. Eine Arbeitspsychologin erklärt, warum das wenig verwunderlich ist.
Du konntest lang nicht einschlafen, weil du mit deinem Freund gestritten hast. Am nächsten Tag hast du super viel zu tun – es steht ein wichtiges Meeting an. Als du dann deine Idee präsentierst, hagelts nur Kritik.

Und dann das: Deine Wangen werden heiß, im Hals schwillt ein dicker Kloß an und du merkst, wie dir Tränen in die Augen steigen. Vielleicht schaffst du es noch rechtzeitig zur Tür, bevor die Emotionen überhand nehmen. Denn Tränen im Job gehen schließlich gar nicht – oder?

Jeder zweite weint wegen der Vorgesetzten oder Mitarbeiter



Die Online-Jobbörse Monster hat 3.000 Personen befragt, ob sie schon einmal bei der Arbeit geweint haben. Krass: Acht von zehn Menschen ist es schon so ergangen. 45 Prozent gaben an, dass ihre Vorgesetzten oder Mitarbeitende ihnen die Tränen in die Augen trieben. Nur 19 Prozent der Teilnehmenden nannten persönliche Probleme, die nichts mit der Arbeit zu tun haben, als Grund.

CommentCreated with Sketch.0 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Dr. Maike Debus lehrt und forscht im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie an der Uni Zürich. Wir haben bei ihr nachgefragt, wie sie sich diese Zahlen erklärt und wie man reagieren sollte, wenn im Büro die Augen wässrig werden.

80 Prozent weinen im Job

Frau Dr. Debus, ganze 80 Prozent weinen im Job. Was sind die Gründe dafür? Die Arbeit ist in den letzten Jahrzehnten intensiver geworden. Internet und E-Mails haben unseren Arbeitsalltag beschleunigt. Wir sind ständig erreichbar, jede Mail wird umgehend beantwortet. In vielen Branchen herrscht starker Zeit- und Konkurrenzdruck oder Menschen sorgen sich sogar um ihren Arbeitsplatz. Darüber hinaus jonglieren viele Menschen Arbeit und Familie.

Das ist ganz schön viel Belastung. Definitiv. Wir sind in der heutigen Arbeits- und Lebenswelt sehr vielen Stressfaktoren ausgesetzt. Manchmal wird einem dann einfach alles zu viel und man ist so gestresst, dass die Tränen kullern.

Gespräch mit betreffender Person suchen



Meine Chefin oder mein Chef stellt mich in einem wichtigen Meeting bloß und ich merke, wie Tränen der Wut in mir hochsteigen. Was tun? Wem in einem Meeting zum Weinen zumute ist, sollte erst einmal versuchen, es so gut es geht zu unterdrücken. Etwa, indem man ganz tief durchatmet und kurzfristig an etwas anderes denkt. Nach dem Meeting sollte man unbedingt das Gespräch mit der betreffenden Person aufsuchen und sie direkt auf ihr Verhalten ansprechen. Nur so kann man herausfinden, warum die Chefin oder der Chef so reagiert hat und ihn oder sie darauf hinweisen, dass Führungskräfte so ein Verhalten unterlassen sollten.

15 Prozent weinen, weil sie zu viel zu tun haben. Wie lautet da die beste Taktik? Zuerst sollte man sich Prioritätenlisten machen, etwa zum Arbeitsbeginn oder schon am Feierabend für den nächsten Arbeitstag. Das hilft, die Arbeit zu strukturieren und die Übersicht zu behalten. Wenn die Arbeitslast dennoch zu hoch ist, sollte man bestenfalls Aufgaben delegieren oder das Gespräch mit der vorgesetzten Person suchen. Am besten, man überlegt sich hierbei schon vorher Lösungsvorschläge. Oft gibt es unnötige Zeitfresser, weil Dinge nicht gut organisiert sind.

Gefühl der Erleichterung

Und wenn die Tränen trotzdem kullern? Dann kullern die Tränen halt! Meist hat man ja auch ein Gefühl der Erleichterung, wenn man sich mal ausgeweint hat. Weinen ist nichts, wofür man sich schämen sollte. Im Gegenteil. Es ist ein Schutzmechanismus unseres Körpers.

Wie sollte man im Nachhinein damit umgehen? Muss man sich für seinen Gefühlsausbruch entschuldigen? Ich denke nicht, dass man sich dafür entschuldigen sollte. Natürlich sollte man nicht bei jeder Gelegenheit in Tränen ausbrechen, aber Weinen ist nun mal menschlich. Ich wäre in einem solchen Fall ganz ehrlich und würde kurz sagen, warum man geweint hat – ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen und in eine Rechtfertigungsschleife zu gelangen. Zum Beispiel: "Ich musste eben kurz weinen, da ich seit einiger Zeit zu viel zu tun habe und ich gerade nicht weiß, wo mir der Kopf steht."

Sensibilsierung für Senisbilität

Gibt es wirklich Leute, die näher am Wasser gebaut sind? Es gibt Persönlichkeitseigenschaften, die man mit Weinen in Zusammenhang bringen kann. Diese Personen haben häufig eher einen negativen Blick auf die Welt, sind öfter traurig und missmutig. Man weiß aus Studien, dass solche Personen die Dinge, die ihnen passieren, deutlich bedrohlicher und negativer wahrnehmen, als sie sind. Und dass sie stärker auf Ereignisse reagieren, die andere kaum aus der Fassung bringen würden.

Weinen Frauen auf der Arbeit tatsächlich häufiger – oder nehmen wir das bloß so wahr? Ich kenne dazu keine Statistiken, könnte mir aber schon vorstellen, dass Frauen häufiger weinen als Männer. Das hat mit unserer Sozialisierung zu tun. Frauen wird es in unserer Kultur eher zugestanden, mal zu weinen, während Männer häufig so sozialisiert werden, dass sie keine Schwäche zeigen dürfen. Auch wenn Männern sicherlich genauso häufig zum Heulen zumute ist. (GA)
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