Toter Soldat: Schwester glaubt nicht an Unfall

Hanife M. bleibt nur noch ein Foto ihres toten Bruders: "Ich glaube nicht, dass es ein Unfall war", sagt die 23-Jährige über den tödlichen Schuss in einer Kaserne in Wien-Leopoldstadt.
Hanife M. bleibt nur noch ein Foto ihres toten Bruders: "Ich glaube nicht, dass es ein Unfall war", sagt die 23-Jährige über den tödlichen Schuss in einer Kaserne in Wien-Leopoldstadt.Bild: Sabine Hertel
Jener Kamerad, der ihren Bruder Ismail erschossen hat, sitzt unter Mordverdacht in U-Haft. Und auch Hanife M. zweifelt an der Aussage des Schützen.
Zur Trauer kommt die Wut – über die Ungewissheit, wie ihr kleiner Bruder starb. Die Schwester des in Wien erschossenen Soldaten sagt traurig: „Wir wollen keine Rache, sondern die Wahrheit."

"Es gefiel ihm gut beim Heer"

Immer wieder kommen Hanife die Tränen. "Ismail war der jüngste von uns vieren. Der einzige Sohn. Er hat sich beim Heer so wohl gefühlt, wollte sich sogar verpflichten lassen", erzählt die Schwester des toten Rekruten.

Sie kommt mit ihrem Schwager Deha zum "Heute"-Interview. Der 31-Jährige ist selbst Berufssoldat und schildert: "Ich erfuhr über eine Bundesheer-WhatsApp-Gruppe als Erster über den Schuss in der Vorgartenstraße." Er raste zum Tatort, wo man ihm sagte, wer der Tote ist. "Es war entsetzlich."

CommentCreated with Sketch. Jetzt kommentieren Arrow-RightCreated with Sketch. "Mache mir Sorgen um Eltern"

Gegen 21:45 Uhr erfuhr dann auch Hanife M. von der Tragödie: "Daheim bei unseren Eltern. Ich fühlte mich wie in einem falschen Film. Meine Eltern sind am Ende. Papa isst seither nichts mehr, er trinkt nichts, er spricht nicht." Hanife zweifelt an der Version des Schützen: "Ich glaube nicht, dass es ein Unfall war. Bekannte von ihm erzählten mir, dass er gerne mit Waffen gespielt hat."

Hanife M. im "Heute"-Interview mit Clemens Oistric
Hanife M. im "Heute"-Interview mit Clemens Oistric
War Ali Ü. der beste Freund ihres Bruders? "Nein, sicher nicht. Ismail hat ihn nie erwähnt und meiner Mutter erst unlängst gesagt, dass er niemanden zum Reden hat."

Traurig erzählen die 23-Jährige und ihr Schwager dann: "Gestern kamen Leute vom Bundesheer zu uns. Sie wollten das Begräbnis zahlen, doch wir lehnten ab, denn sie unterstellten uns Rachegedanken, wo doch alles nur ein Unglück war."

Anwaltsduo will lückenlose Aufklärung

Die Anwälte des Toten, Ümit Vural und Philipp Winkler, fordern indes volle Aufklärung und erhoffen sich Aufschlüsse durch ein Schussgutachten. "Wir werden auch versuchen, eine Tatrekonstruktion bei der Staatsanwaltschaft durchzusetzen", sagen die Spitzen-Juristen.



Die Anwälte Ümit Vural (l.) und Philipp Winkler (r.) mit dem Schwager des Toten, Deha K.

Briefbomben-Gutachter soll jetzt Todesrätsel aufklären

Und was sagt der Verdächtige zu den Anschuldigungen? Obwohl er in den Verhören bitterlich weint und immer wieder beteuert: "Ismail war doch mein bester Freund" ermittelt die Polizei jetzt offiziell wegen Mordverdachts gegen Ali Ü. (22).

Laut Polizeisprecher Patrick Maierhofer konnte er in der Einvernahme, die rund viereinhalb Stunden dauerte, auf entscheidende Fragen keine Antworten geben. "Ich kann mich nicht erinnern", sagt der Verdächtige zu den Vorkommnissen im Ruheraum eines Heeres-Wachecontainers in Wien.

Sein Verteidiger Manfred Arbacher: "Er wollte ihn nur aufwecken, das Sturmgewehr ist ihm davor aber auf den Boden gefallen." Dabei soll eine Patrone in den Lauf gerutscht sein. Dass Ali Ü. die Waffe dann noch entsichert und den Abzug betätigt haben muss, lässt an einer Unfall-Theorie zweifeln. Klärung erhoffen sich die Ermittler von einem Schussgutachten des renommierten Ballistikers Ingo Wieser, der einst ein Dossier zu Briefbomber Franz Fuchs anfertigte. Ali Ü. sitzt einstweilen in der Justizanstalt Wien-Josefstadt. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

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