"Wucher-Mafia" könnte bald Gefängnis drohen

Chefermittler Claus Kahn von der Abteilung Wirtschaftskriminalität ist an der Sache dran.
Chefermittler Claus Kahn von der Abteilung Wirtschaftskriminalität ist an der Sache dran.Bild: BKA, privat
Die Wucher-Industrie boomt in Wien, bringt Kunden um viel Geld und Branchen-Experten auf die Palme. Die Polizei (BKA) versucht nun herauszufinden, wer hinter den dubiosen Firmen steckt.
1.760 Euro verlangte kürzlich ein Elektriker, ein Notdienst-Aufsperrer ließ sich unlängst seine Arbeit 2.348 € kosten und eine Umzugsfirma erdreistete sich, ganze 7.200 € zu verlangen. Die umtriebigen Arbeiter der Wucher-Industrie gelten unter Branchen-Experten seit Jahren als eine Plage, für die es keine wirksame Gegenmaßnahmen gab.

Dies könnte sich bald ändern. Wie „Heute" im Interview mit Claus Kahn – Chef der Sektion Wirtschaftskriminalität im Bundeskriminalamt (BKA) – erfuhr, arbeitet die Polizei daran, das verbrecherisch anmutende Geflecht aufzudecken. Dies würde aber "Zeit erfordern", so Kahn.

Das Pyramidensystem

Wie bereits berichtet, sind die Wucher-Handwerker am unteren Ende eines Pyramidensystems. Obwohl der Kunde nach mehr schlecht als recht getaner Arbeit ordentlich geschröpft wird, gehen bis zu 60 Prozent – davon sind Branchen-Experten überzeugt – an die Hintermänner, die auf der Spitze der Pyramide sitzen. Sie sorgen dafür, dass lokale (und leicht austauschbare) Subunternehmer in Wien mit Reparaturaufträgen versorgt werden. Diese Personen gelten als Drahtzieher des Systems und scheinen nirgendwo als die eigentlichen Verantwortlichen auf.

Die Subunternehmer wiederum schicken ihre eigenen Handlanger zum Auftragsort. Sie befinden sich mutmaßlich an der untersten Stufe der Pyramide: In neun von zehn Fällen erwähnen die Geschädigten dabei "zwei bedrohlich aussehende Männer", sehr selten ist es bloß einer. Eine weitere Gemeinsamkeit der Wucher-Opfer: Wer die Geldsumme nicht dabei hat, den begleiten die beängstigenden Mitarbeiter – zu zweit oder einzeln – gerne zum Bankomaten. Kassiert wird vor Ort.

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Auch wenn die Betroffenen überzeugt sind, Kriminelle als Handwerker engagiert zu haben und sich von der Justiz im Stich gelassen fühlen, so ist die Situation kompliziert. Denn die unzähligen Rechnungen, die der Arbeiterkammer, dem Verein für Konsumschutz und der Wirtschaftskammer vorliegen, sind bloß Indizien für eine mögliche Schattenwirtschaft, aber kein Beweis ihrer Existenz. Sie sind auch dem Chefermittler der BKA nicht neu: "Unsere Arbeit beginnt damit, dass jemand in eine Inspektion kommt und den Sachverhalt schildert. Wir nehmen das auf und äußern einen Verdacht. Das kommt dann weiter zur Staatsanwaltschaft und die klassifiziert das Delikt schlussendlich. Was aber ein Staatsanwalt definitiv nicht machen wird: Einen Wucher-Handwerker aufgrund einer einzigen Anzeige und zig Beschwerden bei der Arbeiterkammer wegen gewerbsmäßigen Betruges anklagen. Das hat keine rechtsstaatliche Grundlage."

Aus diesem Grund appelliert Kahn mit Nachdruck: "Es ist essentiell, dass sich die Geschädigten an die Polizei wenden. Nur dann kann nachgewiesen werden, dass jemand systematisch Betrug begeht." Der Ermittler schließt nicht aus, dass es in Zukunft ein erstes Urteil geben könnte, wonach ein Angeklagter deswegen eine mehrjährige Gefängnisstrafe absitzen wird. Für schweren gewerbsmäßigen Betrug sind bis zu fünf Jahre Freiheitsentzug möglich. Laut Tageszeitung "Berliner Morgenpost" sind in Deutschland – wo das Problem länger bekannt ist und schlimmere Ausmaße genommen hat – zwei Geschäftsinhaber eines Schlüsseldienstes vergangenes Jahr zu sechseinhalb Jahren verurteilt worden.

Rechnungen machen Finanzpolizei stutzig

Offenbar hat die Wucher-Mafia aber auch in Österreich lange genug gewütet, denn nicht nur das BKA ermittelt. Aus dem Umfeld des Finanzministeriums ist von "mafiösen Strukturen" zu hören. Bestätigt wurde ebenfalls, dass die Finanzpolizei starkes Interesse an den Buchführungs-Methoden dieser Dienstleistungsfirmen hat – und ermittelt.

Eine simple Gegenrechnung wirft nämlich Fragen auf: Wenn ein Aufsperrdienst 60 Prozent von 2.348 Euro an seine ausländischen Auftragsvermittler zahlen muss, dann bleiben ihm 939,2 Euro. Versteuern muss er aber trotzdem den verrechneten Wucher-Preis. Zusätzlich fallen Betriebskosten und etwaige Personalkosten für die "bedrohlich wirkenden Männer" an – (wobei der "Heute" in Gesprächen mit Branchen-Kennern nicht die ironischen Bemerkungen entgingen, dass man es in der Wucher-Industrie mit dem Angestelltenverhältnis nicht so genau nehmen würde). Demnach bleibt von den 939,2 Euro nicht mehr viel über. Wie könnte also ein seriöser Firmeninhaber unter diesen Bedingungen überhaupt überleben?

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