35 Jahre Wien: "Das Schnitzel war schon immer gut"

Der Britische Botschafter Leigh Turner zieht Bilanz über 35 Jahre Wiener Stadtgeschichte: "Das Schnitzel war schon immer gut".
Der Britische Botschafter Leigh Turner zieht Bilanz über 35 Jahre Wiener Stadtgeschichte: "Das Schnitzel war schon immer gut".Britische Botschaft
In seinem Blog erzählt der Britische Botschafter Leigh Turner, wie sich Wien in 35 Jahren geändert hat. Und was er über den Wiener Schmäh gelernt hat.

In Wahlkampfzeiten steht Wien und die Entwicklung der Stadt ganz besonders im Fokus der Aufmerksamkeit. Während manch wahlwerbende Partei Wien als "krisensicher" und sozial sieht, sehen andere in ihr ein Potenzial als internationaler Klimavorreiter. Wieder andere sehen all die Bereiche, in denen es in den vergangenen Jahren Versäumnisse gab.

Einer, der seinen ganzen eigenen Blick auf die Stadt Wien hat und dem der Wahlausgang am 11. Oktober emotional eher gleichgültig sein kann, ist der Britische Botschafter Leigh Turner (62). Seit Augst 2016 ist er auch ständiger Vertreter der Vereinten Nationen (UN) in Österreich.

Nicht seine erste Zwischenstation in Wien, bereits in den 1980ern (1984 bis 1987) war er als zweiter Botschaftssekretär im Foreign Office als Diplomat tätig. Und hat die Stadt und ihre Entwicklung aus nächster Nähe miterlebt. In seinem Online-Blog zieht Turner nun ­– mit scharfem Blick und britischem Humor – eine Bilanz, wie und wo sich die Stadt Wien gewandelt hat. Und erzählt, wo es aus seiner Sicht kaum Änderungen gab.

Wien als graue und fade Stadt?

"Viele junge Wiener sind überzeugt, dass ihre Stadt in den 1980er Jahren furchtbar war. Aber auch als ich 1984 hier angekommen bin, haben mir die Leute gesagt, wie schlimm es in den 60er und 70er Jahren war. Ich habe jedenfalls eine spannende Stadt erlebt. Das Bermuda-Dreieck voller Bars und Restaurants (bekannt dafür, dass man von dort nur schwer wieder nach Hause findet) hatte Hochbetrieb. Der Austropop hat einem seiner vielen Höhepunkte zugesteuert. Falco's 'Rock Me Amadeus' war 1986 Nummer Eins der Charts in UK und den USA. Die Wiener wussten, wie man Spaß hat (das wissen sie immer noch) und die Polizei hat so manche Feier um 22 Uhr abgestellt (das macht sie ebenfalls heute noch genauso)", erinnert sich Turner.  Als grau und fad habe er Wien jedenfalls nie erlebt.

"Die Wiener wussten schon immer, wie man Spaß hat".

Ist Wien internationaler geworden?

"Das war es schon in den 1980ern", so Turner.  Das Vienna International Centre oder VIC wurde 1979 eröffnet und machte Wien neben New York und Genf zum weltweit dritten UNO- Sitz. Damit kamen Diplomatinnen und Diplomaten aus der ganzen Welt in die Hauptstadt. Wien hatte auch fantastische internationale Küche, persisch, türkisch, koreanisch sowie aus den nahen Balkanländern." Nicht-Österreicher beschwerten sich oft, dass gefühlte 95 Prozent der Lokale nahezu idente Speisekarten hatten. Aber das Wiener Schnitzel war halt schon immer gut", so der Botschafter.

Wenigstens sind die Geschäfte länger offen!

"In den 80ern haben mich die kurzen Ladenöffnungszeiten von Supermärkten, die am Samstag schon zu Mittag geschlossen waren, verrückt gemacht. Wann hätte man als arbeitender Mensch einkaufen gehen sollen? Als ich 2016 zurückkam (zwischen 2012 und 2016 war Turner britischer Generalkonsul in Istanbul, Anm.) hatte sich die Lage gebessert“.

"Supermärkte, die am Samstag zu Mittag geschlossen waren, haben mich verrückt gemacht".

An Knotenpunkten wie Wien Mitte (Landstraße) oder dem neuen Hauptbahnhof Wien (Favoriten) gibt es nun Supermärkte, die sogar am Sonntag offenhaben. "Dass die meisten Geschäfte aber am Sonntag ganz geschlossen bleiben, scheint für die meisten Menschen kein Problem", erklärt Turner.

Leigh Turner bei einer Botschaftsveranstaltung in der britischen Residenz 1987. Das Haupthaar ist weniger geworden, die Liebe zu Wien dafür mehr.
Leigh Turner bei einer Botschaftsveranstaltung in der britischen Residenz 1987. Das Haupthaar ist weniger geworden, die Liebe zu Wien dafür mehr.Britische Botschaft

Haben die Wiener schon immer gejammert?

"Das ist heikel", gibt der Botschafter zu. Seit seiner Rückkehr nach Österreich 2016 hätten ihm Leute gesagt, dass Kellner, Busfahrer und andere Passanten in Wien nicht immer besonders freundlich seien und dass das sogenannte Granteln quasi ein Nationalsport wäre. "Die Wienerinnen und Wiener sind stolz auf Ihren Wiener Schmäh, den ein Kabarettist einmal sinngemäß als Vereinigung der normalerweise inkompatiblen Elemente Charme und Unfreundlichkeit bezeichnet hat. Ich bin allerdings oft beeindruckt, wie Bus- oder Straßenbahnfahrer auf heraneilende Fahrgäste warten (nicht selten auf mich selbst). Das wäre in einigen britischen Städten nicht immer der Fall".

Die Skandale sind nicht mehr, was sie mal waren

"Als ich von 1984-87 hier war, durchlief Österreich den Weinskandal, den Fall Lucona, die Waldheim-Affäre und diverse Probleme mit den Abfangjägern. Heute ist der österreichische Wein erstklassig, und die Politik scheint um einiges transparenter geworden zu sein. Gleichzeitig muss man feststellen – es gibt nach wie vor Probleme mit den Abfangjägern, es gab die Ibiza-Affäre und Bankenskandale", so Turner.

Österreich sei nach wie vor ein Land von dichten Netzwerken, wo politische Parteien und die sogenannten Sozialpartner eine wichtigere Rolle spielten als in anderen Ländern. "Als ich vor kurzem eine österreichische Politikexpertin um ihre Einschätzung gebeten habe, meinte sie nur: 'Die Skandale sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren'. Mehr ist nicht zu sagen“.

Was sich alles verändert hat: "Wein und Öffis sind besser, die Stadt ist größer"

Aus Sicht des Top-Diplomaten gibt es aber auch einiges, das sich in den vergangenen Jahrzehnten doch deutlich geändert hat. "Zum Beispiel ist der Wein besser", grinst Turner wissend. "Von meinem ersten Heurigenbesuch in Wien direkt am Tag meiner Ankunft in der Stadt im September 1984 erinnere ich mich vor allem an den Morgen danach. Damals war es ein kleines Wunder, eine gute Flasche österreichischen Rotweins zu finden. 36 Jahre später ist der österreichische Wein durch die Bank hervorragend, egal ob rot, weiß oder rot-weiß-rot".

"Von meinem ersten Heurigenbesuch erinnere ich mich vor allem an den Morgen danach".

Auch das Wiener Verkehrsnetz sei viel besser geworden. "In den 1980ern war das Wiener U-Bahn System noch bescheiden, schnelle Zugsverbindungen gab es nur wenige und es gab keine gute Autobahnverbindung nach Graz oder Klagenfurt. Direktflüge aus Wien-Schwechat in den Rest der Welt waren rar und teuer. Radwege gab es nur vereinzelt (obwohl ich mich noch gut an mein Erstaunen erinnere, als mir bei einem Trip durch die Lobau ein nackter Herr auf seinem Rad entgegenkam)", so Turner.

Heute, von Covid-19 einmal abgesehen, seien die internationalen Verbindungen top, die Straßennetz gut ausgebaut und Wien habe ein stetig wachsendes Radwegesystem. Der Fall des eisernen Vorhangs 1989 habe Österreich von einem Land umschlossen von einer unüberwindbaren Grenze zurück ins Herz von Europa geholt. "Das hatte einen großen Effekt auf Wien. Die Stadt ist stetig gewachsen und steht seit Jahren an der Spitze diverser Lebensqualitätsrankings".

"Wien ist wohlhabender und langlebiger geworden"

1984 betrug die österreichische Bevölkerung 7,6 Millionen Menschen, davon 1,5 Millionen in Wien. Heute stehen die Zahlen bei 8,9 und 1,9 Millionen. Damit habe Wien Hamburg, Budapest, Warschau und Bucharest überholt und sei zur sechstgrößten Stadt Europas aufgestiegen ("allerdings liegt Wien damit immer noch hinter dem eigenen Zentralfriedhof zurück, auf dem an die 3 Millionen Menschen begraben sind").

"Wien ist zur sechsgrößten Stadt Europas aufgestiegen. Hinter dem eigenen Zentralfriedhof liegt sie aber zurück".

"Der Tourismus ist seit den 1980ern stark angestiegen, auch die Herkunftsländer der Touristinnen und Touristen sind heute andere. Vor der Corona-Krise waren Chinesen mit einer Million Besuchern pro Jahr die größte Besuchergruppe außerhalb von Österreichs direkten Nachbarländern. 1984 gab es in ganz Österreich 2,5 Millionen Autos, jetzt sind es fünf Millionen“, erklärt Turner. Die höheren Lebensstandards und mehr städtischer Tourismus hätten zu einem Boom der Restaurant- und Shoppingszene geführt. Durch den Klimawandel und das Rauchverbot in der Gastronomie hätten sich Restaurants und Bars zunehmend nach außen hin geöffnet. Neue Gehsteige, Straßen und Parks hätten die Stadt weiter belebt.

"In Wien wurden ganze Grätzel der Stadt neu entwickelt, wie etwa der Hauptbahnhof, das Areal um die neue Wirtschaftsuniversität, der alte Nordbahnhof oder die Seestadt Aspern. Diese ist übrigens so groß, dass ich einen Elektroroller gebraucht habe, um mir alles anzusehen", schmunzelt Turner.

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