51.000 Litauer rufen Russen an – das ist der Grund

Die Litauer wollen die russische Bevölkerung aufklären. Symbolbild. 
Die Litauer wollen die russische Bevölkerung aufklären. Symbolbild. Bild: iStock
Anfangs wurden die anrufenden Litauer eigentlich nur angeschrien, jetzt wollen die Menschen Informationen erhalten und in Kontakt bleiben.

Eine litauische Aktivistengruppe hat seit Kriegsanfang 180.000 Mal russische Nummern angerufen, um mit den Menschen in Russland über den Krieg zu sprechen. Paulius Senūta (46) hat in den ersten Wochen des Angriffskriegs mit Freunden in Litauen die Plattform "Call Russia" erschaffen. Sie gehen davon aus, dass nur die russische Bevölkerung selbst Putin stoppen könne und nur die Wahrheit den Krieg beenden könne, wie sie auf der Webseite schreiben.

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"In den ersten Kriegstagen hat einfach jeder hier in Litauen irgendetwas getan. Unsere Idee war eben, anzurufen", sagt Senūta gegenüber dem "Tages-Anzeiger". Alle in Litauen haben eine Verbindung zu Russland, da das Land bis 1990 zur Sowjetunion gehört hat, so Senūta.

Anfangs seien sie fast nur angeschrien worden und die allermeisten Gespräche waren nach ein paar Minuten beendet. Inzwischen könnten sie eine Veränderung beobachten, wenn sie die Nummern über einen Zufallsgenerator wählen. Etwa 51.000 Anrufer hätten bereits 90.000 Gespräche geführt. Diese können inzwischen Stunden dauern. Manche der Angerufenen wollen danach den Kontakt weiter halten, rufen zurück oder schreiben Nachrichten. "Die Leute wollen reden", sagt Senūta zum "Tages-Anzeiger".

Russen glauben den militärischen Meldungen des Kremls nicht

"Wir werden ständig gefragt, wo jetzt eigentlich die Front ist, welche Verluste es in der russischen Armee gibt, wie es wirklich aussieht in der Ukraine." Und selbst wenn die Leute dem Kreml Glauben schenken, wenn es um die Begründung für den Krieg geht, so glauben viele die militärischen Meldungen nicht. Die Menschen hätten aber Angst davor sich zu wehren, glaubt Senūta. Vor allem vor ihren eigenen Nachbarn fürchten sie sich – es gäbe ein System der gegenseitigen Belauerung.

Die Anrufe seien sehr anstrengend. Man müsse ehrliches Interesse haben, zuhören und andere Ansichten ertragen. "Die denken, dass wir keine Ahnung haben und Russland einfach nicht verstehen", so Senūta. Über die vergangenen zwei Jahrzehnte sei ein Feindbild des Westens aufgebaut worden. Laut diesem will der Westen Russland nur erniedrigen.

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