Wirtschaft

5,70 Euro pro Stunde – Milchbauern stehen vor dem Aus

Große Sorge um Österreichs Milchbauern! Laut Landwirtschaftskammer Steiermark ist die derzeit unberechenbare Situation für Landwirte brandgefährlich.
01.06.2022, 13:23

Die Kostenlage bei den Milchbauern hat sich durch den russischen Angriffskrieg noch einmal dramatisch verschärft. Um 50 Prozent sind die Energiekosten hinaufgeschossen, Futter ist um 30 Prozent teurer geworden. "Der Druck auf die Milchbauern ist massiv. Dankenswerterweise sind die in der Steiermark tätigen Molkereien in Vorlage getreten und haben in kleinen Schritten die Erzeugermilchpreise angehoben", sagt Landwirtschaftskammer (LK) Steiermark-Präsident Franz Titschenbacher. Und weiter: "Doch diese Vorleistungen müssen von den Molkereien, die aktuell in zähen Verhandlungen mit dem Lebensmittelhandel stehen, erst erwirtschaftet werden. Daher wende ich mich mit Nachdruck an die Verantwortlichen des Lebensmittelhandels, den Molkereien vernünftige, betriebswirtschaftlich vertretbare Produktpreise zu bezahlen, um eine nachhaltige Milchwirtschaft in Österreich zu sichern."

Unter 6 Euro für Arbeitsstunde

Die derzeit unberechenbare Situation ist für die heimischen Milchbauern brandgefährlich. Titschenbacher warnt: "Ein Ende der Kostenexplosion ist nicht in Sicht. Die Erlöse der Milchbauern können mit den gestiegenen Ausgaben und den Kosten für die ständig steigenden Standards, wie beispielsweise für noch mehr Tierwohl, nicht mithalten. Die explodierenden Kosten für die Milchbauern verlangen zwingend höhere Erlöse. Wenn es hier nicht zu einer nachhaltigen Änderung kommt, riskieren wir noch einmal so viele Betriebe wie bisher zu verlieren.

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" Ein Beispiel für die bedenklichen Einkünfte eines Milchviehbetriebes: Für eine Arbeitsstunde bleiben dem Milchbauern gerade einmal 5,70 Euro, was inklusive EU-Ausgleichszahlungen im Monat magere 1.026 Euro netto pro Arbeitskraft ausmacht. Seit dem Jahr 2010 haben 33 Prozent der Milchviehbetriebe in der Steiermark ihre Stalltüren für immer geschlossen. Die magische Grenze von 4.000 steirischen Milchlieferanten (Ö: 24.900) wurde bereits im Vorjahr unterschritten.

Teuerungsausgleich notwendig

Unabhängig davon nimmt der LK Steiermark-Präsident aber auch die Bundesregierung in die Pflicht, zumal der Staat an den höheren Betriebsmittelpreisen im Wege der Umsatzsteuer mitverdient. "Die Regierung muss mit einem Teuerungsausgleich gegensteuern, bei dem das Geld zielgerichtet und unbürokratisch bei den Betrieben ankommt. Sonst werden noch mehr Milchbauern aufgeben. Das kann in Zeiten, in denen Versorgungssicherheit großgeschrieben wird, keiner wollen!", mahnt Titschenbacher.

"Besonders große Sorgen bereiten mir die kleineren Milchbauern im Berggebiet, deren Lage wegen der geringen Einkünfte ohnehin schwierig ist. Oft können sie, umgeben von steilen Hängen, ihre Ställe zur Erfüllung noch höherer Tierwohlstandards kaum vergrößern. Außerdem sind Investitionen in zusätzliches Tierwohl enorm teuer", skizziert der Kammerpräsident die nicht einfache Situation. Und betont: "Mehr Tierwohl hat seinen Preis, und dieses kann es nicht zum Nulltarif geben."

Nach dreijähriger Vorbereitungsarbeit ist es den Landwirtschaftskammern, der Universität für Bodenkultur Wien und der Höheren Lehr- und Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein gelungen, mit dem EIP (Europäische Innovationspartnerschaft)-Projekt "Berg-Milchvieh" praktikable individuelle Tierwohllösungen zu entwickeln. Damit werden die Tierwohl-Wünsche, wie beispielsweise nach mehr Bewegungsmöglichkeit auch im Freien, von Konsumenten und Handel erfüllt. Gleichzeitig gelingt es damit auch, die Arbeitssituation der Milchbauern zu verbessern.

Aufpreis-Bereitschaft und Kaufverhalten klaffen auseinander

Eine aktuelle Online-Umfrage von marketagent zeigt, dass grundsätzlich 75% der Konsumenten bereit wären, mehr für Tierwohl auszugeben. Dass Umfragedaten und Scanner-Daten jedoch nicht übereinstimmen, zeigt Yascha Lena Koik, Doktorandin an der Universität Göttingen. Im Zuge ihrer Dissertation hat sie herausgefunden, dass Einkaufsverhalten und Umfrageverhalten ernüchternd auseinanderklaffen. Selbst wenn Tierwohl auf dem Produkt ausgewiesen ist, greifen mehr als 50% der Konsumenten doch zum Billigstangebot. "Dieses Phänomen geht immer zulasten der Bauern und Bäuerinnen", gibt Titschenbacher zu bedenken.

Milchbäuerin Silvia Prugger ärgert, dass Tierwohl häufig als Marketingbegriff verwendet wird. Prugger ist Milchbäuerin in St. Johann am Tauern und betreut 15 Milchkühe sowie deren Kälber und die Nachzucht - insgesamt also 28 Rinder im Laufstall mit Weide und Auslauf. Prugger: "Für mich ist Tierwohl eine Selbstverständlichkeit. Es ärgert mich, dass Tierwohl meist als Marketingbegriff herhalten muss und unsere gesamten Tierwohlleistungen kaum Wertschätzung erfahren." Und weiter: "Gelebtes Tierwohl ist im Berggebiet auch mit Kombinationshaltung mit Weide und Stallhaltung erreichbar. Entscheidend ist auch ein komfortabler Liegeplatz im Stall, eine gesunde wiederkäuergerechte Fütterung und ein guter, respektvoller Umgang mit den Tieren. Geht's den Tieren gut, geht es auch uns Bäuerinnen und Bauern gut."

Hochwertige Lebensmittel

Milch ist die effizienteste Art, aus Gras hochwertige Lebensmittel herzustellen. Dafür nutzen die Kühe zu einem großen Anteil Pflanzen, die wir Menschen nicht verdauen können, nämlich Gräser und Leguminosen. Die Milchproduktion ist somit die effizienteste Art, Gras zu verwerten und daraus hochwertige Lebensmittel zu produzieren. Und das in Regionen, die oft für den Anbau von Ackerkulturen nicht geeignet sind, weil diese entweder zu nass, zu trocken, zu steil oder zu steinig sind. Somit leistet die Milchviehhaltung nicht nur einen wesentlichen Anteil an der Lebensmittelproduktion, sondern auch an der Pflege der Kulturlandschaft, die Österreich für den Tourismus so attraktiv macht.

Grünland speichert fast so viel CO2 wie 1 ha Wald. Außerdem sind Wiesen und Weiden sehr gute CO2-Regulatoren. 1 ha gutes Dauergrünland speichert durch den hohen Humusgehalt 196 t CO2, das heißt, weniger als 1 ha Wald, aber mehr als Ackerland. Gleichzeitig erhält die Milchwirtschaft im Grünland die Artenvielfalt. Denn ohne die Pflege der Wiesen würden in kurzer Zeit wenige Pflanzenarten dominieren. Das zeigt sich verstärkt auf Almen mit wenig Viehbesatz.

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