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68 Prozent für Aufhebung des Abtreibungsverbots

Mit großer Mehrheit wollen die Iren das Abtreibungsverbot aufheben. Das zeigen die Nachwahlbefragungen.
Heute Redaktion
13.09.2021, 20:35

Die Iren haben offenbar mit großer Mehrheit für die Aufhebung des seit über drei Jahrzehnten geltenden strikten Abtreibungsverbots gestimmt. Laut einer Nachwahlbefragung stimmten gegen 68 Prozent der Iren für eine entsprechende Verfassungsänderung.

Laut der Befragung von 4.000 Wählern im Auftrag der Zeitung "Irish Times" stimmten nur 32 Prozent gegen eine Liberalisierung. Die Befürworter der Verfassungsänderung hatten sich zuvor durch die hohe Stimmbeteiligung ermutigt gezeigt. Zehntausende im Ausland lebender Iren sollen Berichten zufolge für das Referendum in ihre Heimat gereist sein.

Eine ähnliche Prognose lieferte eine weitere Nachwahlbefragung, vorgenommen durch das Institut Behaviour & Attitudes für den Fernsehsender RTE. Demnach stimmten von 3.800 Befragten 69,4 Prozent für die Liberalisierung, 30,6 Prozent waren dagegen.

Die Auszählung der eigentlichen Stimmen beginnt am Samstagmorgen, das definitive Ergebnis soll im Laufe des Tages bekanntgegeben werden.

Eines der strengsten Verbote in der EU

In dem erzkonservativen Land waren fast 3,5 Millionen Bürger aufgerufen, über den achten Zusatzartikel der Verfassung zu entscheiden, der Schwangerschaftsabbrüche strikt untersagt.

Im katholisch geprägten Irland gilt eines der strengsten Abtreibungsverbote in der Europäischen Union. Wer dagegen verstößt, kann mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft werden. Selbst nach einer Vergewaltigung ist in Irland ein Schwangerschaftsabbruch untersagt.

Per Verfassungszusatz von 1983 sind ungeborene Kinder genauso in ihrem Recht auf Leben geschützt wie ihre Mütter. Das macht Kritikern zufolge Abtreibungen in dem Land faktisch unmöglich.

Der Uno-Menschenrechtsausschuss hatte das Abtreibungsverbot 2016 als Verstoß gegen internationale Menschenrechtsvereinbarungen kritisiert und die irische Regierung aufgefordert, es zu überarbeiten.

Straffrei in den ersten zwölf Wochen

Nach dem Sieg des Ja-Lagers soll zunächst der achte Zusatzartikel aus der Verfassung gestrichen werden. Die Regierung müsste dann alles weitere gesetzlich regeln. Ihr Entwurf sieht vor, Abtreibungen in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen straffrei zu stellen. Bei bestimmten Indikationen soll sie bis zur 24. Woche erlaubt sein.

Nachdem die Iren 2015 in einem Referendum für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe gestimmt hatten, ist das Abtreibungsreferendum nun ein weiterer Gradmesser für den großen gesellschaftlichen Wandel in Irland: Während die meisten europäischen Länder den Schwangerschaftsabbruch nach und nach entkriminalisiert haben, stimmten bei dem Referendum 1983 noch zwei Drittel der Iren für die Aufnahme des Abtreibungsverbots in die Verfassung.

Nach einer Reihe von Tragödien

Das langsame Abrücken von den strengen Gesetzen in den Jahrzehnten danach war eng mit den Namen von Frauen verbunden, die besonders unter diesen Gesetzen zu leiden hatten. Anlass für eine erste Lockerung des Abtreibungsverbots 2013 war die Empörung nach dem Tod der schwangeren Savita Halappanavar, die bei einer Fehlgeburt in der 17. Schwangerschaftswoche starb. Eine Abtreibung war ihr untersagt worden.

Die Kampagne gegen das Abtreibungsverbot erhielt Auftrieb durch den Fall von Amanda Mellet, die für die Abtreibung eines tödlich missgebildeten Fötus ins benachbarte Großbritannien ausweichen musste. Mellet brachte den Fall vor die Uno-Menschenrechtskommission, welche die Angelegenheit als Verstoß gegen die Grundrechte einstufte. (hvw/sda)

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