93 Dezibel: Frau zog wegen Lärm der Nachbarn aus

Rund 60.000 € Gerichtskosten, 20.000 € Verlust beim Verkauf, Lärm über Jahre, 3 Jahre Prozess – der verwirklichte Traum von der Eigentumswohnung wurde für Monika S. (65) zum Albtraum.

Finanzieller Verlust, lärmgeplagt, 2 Mal überstandene Krebsbehandlung – doch Monika S. (65) ist jetzt erstmals seit Jahren wieder gelöst, denn sie hat nach dem Umzug im März 2019 endlich wieder eines: Ruhe und keinen Stress.

Im Herbst 2015 hatte das Ehepaar S. eine günstige Eigentumswohnung in einer Siedlung am Stadtrand von St. Pölten gekauft. Doch die ersehnte Idylle war schnell dahin. "Es begann mit Lärm 2016, ich versuchte zu schlichten, doch es wurde immer schlimmer, ich stieß immer wieder auf taube Ohren", so S.

Nach einer Beschwerde und Kontakt mit der Genossenschaft, schickte die Genossenschaft ein Schreiben an alle Bewohner mit folgendem Inhalt: "Es gab mehrere Beschwerden, bitte um normale Lautstärke, betreffend Kinder und Besucher beim Spielen."

"Terror" nach Beschwerde

Von da an ging es laut Monika S. richtig los. "Die vier Familien aus Ex-Jugoslawien, die viele Kinder und noch mehr Bekannte haben, haben dann mit Absicht viel Wirbel erzeugt, extra fremde Kinder zum Spielen eingeladen. Oder sind mir vors Auto gehüpft", berichtet Monika S. Und die 65-Jährige wurde beschimpft: "Halte die Fresse und bleib in Deinem Käfig (Anm.: Frau S. hatte ein Katzengitter am Balkon) oder ich breche Dir das Kreuz", schildert die Frau.

"Langsam bekam ich es auch mit der Angst zu tun, ging nicht mehr ohne Pfefferspray außer Haus. Das muss man sich mal vorstellen, wir sind zwei ältere Leute, die nie jemandem etwas getan haben", berichtet die Pensionistin. Das verzweifelte Ehepaar gestaltete schließlich die Räume der Wohnung um, verlegte das Schlafzimmer – nur mit sehr geringem Erfolg. "Dann wurde auf der anderen Seite gelärmt. Es wurde richtig boshaft", so S.

Immer wieder war die Polizei in der Siedlung. "Ein netter Beamter riet mir wegzuziehen, weil es hier einfach zu sehr brodelt." Aber auch die Nachbarn holten zum Gegenschlag aus, riefen die Exekutive. Grund: Frau S. fotografierte die spielenden Kinder für Beweise, das brachte die gegnerische Familie auf die Palme. "Was heißt Kinder? Da waren Teenager und auch Erwachsene dabei. Die hatten eine richtige Gaudi beim Krawall machen. Richtig boshaft und ich hatte Chemotherapie noch dazu, ich war nervlich am Ende", sagt die St. Pöltnerin.

Ehepaar verlor, zog weg

Ehepaar S. zog trotz Angst vor den Nachbarn vors Zivilgericht. Messungen mit einem geeichten Gerät (Kostenpunkt aus eigener Tasche 500 Euro) ergaben mehrmals die Woche Werte zwischen 70 und 93,5 Dezibel. "Nur das Gerät wurde nicht anerkannt vor Gericht, meine zwei Katzen hätten die Messungen manipulieren können. Unglaublich, aber so wurde es begründet. Der Lärmgutachter durfte laut Richter und gegnerischem Anwalt nur angemeldet kommen. Da war natürlich weit und breit kein Lärm oder Kind oder Nachbar", so Monika S. Die 65-Jährige wollte damals auch Medien kontaktieren, auch "Schauplatz Gericht": "Nur mir wurde abgeraten. Erst nachher hieß es immer. Nur jetzt ist eh alles zu spät."

Nach fast drei Jahren zähen Gerichtsverhandlungen, Anhörungen und Lokalaugenscheinen schmiss Monika S. alles hin, verkaufte mit Verlust und zog vor einigen Wochen in eine (hoffentlich) ruhige City-Mietwohnung. Den Prozess verlor sie, auch die Berufung ging nicht zu ihren Gunsten aus.

"Bei den Anhörungen bei Gericht kam ich mir selbst vor wie eine Schwerkriminelle. Nie wieder Eigentum bei Immobilien", erzählt die Pensionistin. "Meinen Glauben an Gerechtigkeit habe ich verloren. Als älterer Mensch ist man so einem Terror offenbar hilflos ausgeliefert. Ohne Rechtsschutzversicherung wäre mein finanzieller Verlust noch viel größer ausgefallen." (Lie)

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