Alko-Fehlstart im Prozess gegen "Ibiza-Erfinder"

Richterin, Schöffen, Anwälte und Journalisten standen bereit, nur der Angeklagte nicht. Er wankte mit 2,9 Promille ins Krankenhaus.

Wirtschaftsspionage, Betrug, Untreue, Hacker- und Abhörmaßnahmen. Die Liste der Anklage ist lang, dennoch hätte der Prozessauftakt gegen Sascha W. (47) am Mittwoch in Krems normalerweise wohl kaum jemanden interessiert. Es sind die Begleitumstände, die für großen – und letztlich vergeblichen – Medienandrang im Landesgericht sorgten.

Im Spital statt auf der Anklagebank

Richterin Monika Fasching-Lattus unterbrach den Prozess noch bevor er überhaupt begonnen hatte. W. ließ sich über seinen Anwalt Sebastian Lesigang entschuldigen. Er habe sich wegen psychischer Probleme ins Krankenhaus Krems begeben, hieß es.

Nach etwa anderthalb Stunden stellte sich heraus, dass W. mit 2,9 Promille Alkohol im Blut ins Krankenhaus Tulln gebracht wurde. Nun müsse festgestellt werden, ob auch eine psychische Krankheit vorliegt, so Lesigang.

Ex-Kollegen als Zeugen

W. hatte sich nach Bekanntwerden des Ibiza-Videos in die Presse gedrängt. Kaugummi kauend behauptete er im Fernsehen, die "Ibiza-Methode" entwickelt zu haben, mit der seine ehemaligen Mitarbeiter Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus in die Falle gelockt haben sollen.

Der "Detektiv" Julian H. sowie die in Salzburg lebenden Bosnier Edis S. und Slaven K. hätten vor Gericht gegen ihren Ex-Chef aussagen sollen. Bei einer Selbstanzeige hatte W. behauptet, er habe zusammen mit seinem Team im Auftrag des Gleisbau-Unternehmens Plasser & Theurer ein anderes Gleisbau-Unternehmen ausspioniert. Plasser & Theurer bestreitet, W. überhaupt engagiert zu haben.

Durch die Selbstanzeige kam es zu Ermittlungen gegen zwölf (!) andere Personen, darunter auch H., S. und K. Alle Verfahren wurden eingestellt. Nur W. blieb übrig. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm nun vor, seine Kollegen strafbarer Handlungen verdächtigt zu haben, obwohl er wusste, dass die Behauptungen nicht zutrafen.

"Detektiv" H. soll sich in Deutschland aufhalten, eine Aussage per Skype wäre geplant gewesen. Edis S. und Slaven K. wären per Videoschaltung ins Salzburger Gericht vernommen worden.

Keine Ibiza-Fragen

Kurz nach 10.30 Uhr war klar: der erste Prozesstag war geplatzt. "Für heute hat es sich erledigt", sagte Richterin Fasching-Lattus. Sie stellte zunächst noch eine mögliche Fortsetzung am Donnerstag in Aussicht, doch am frühen Nachmittag wurde auch dieses Vorhaben abgeblasen. Der Prozess ist auf Herbst vertagt.

Auch in ein paar Monaten wird die Juristin wohl das Wort "Ibiza" im Gerichtssaal nicht hören wollen. Kurz bevor sie die Versammelten entließ, erklärte sie, dass es sich in diesem Prozess "nicht einmal am Rande" um das berüchtigte Video und seine Erstellung drehe. Sie werde keine diesbezüglichen Fragen und Stellungnahmen zulassen.

Für Sascha W. gilt die Unschuldsvermutung.

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