Ankara in Angst: Wer das Shirt trägt, wird verhaftet

Die türkische Polizei hat 33 Menschen festgenommen, die ein T-Shirt mit der Aufschrift "Hero" trugen.
Ein junges Pärchen auf einem Motorrad wurde vor wenigen Tagen im türkischen Ferienort Antalya festgenommen. Die Polizei hatte es mit Hilfe von Überwachungskameras im Straßenverkehr bemerkt. Die beiden wurden auf den Polizeiposten gebracht und befragt. Zu ihrer großen Überraschung hatten sie nicht etwa eine Verkehrssünde begangen. Das Verbrechen der beiden Studenten war, weiße T-Shirts zu tragen, auf denen in großen Lettern das Wort "Hero" ("Held") stand.

Eine ähnliche Situation erlebte ein Kellner, ebenfalls in Antalya. Seine Arbeitskollegen hatten ihn bei der Polizei denunziert, nachdem er zur Arbeit in einem ähnlichen T-Shirt mit der Aufschrift "Hero" erschienen war. Die beiden Festnahmen seien nur die letzten in einer Reihe von rund 33 Verhaftungen im ganzen Land, berichtet BBC. Alle Festgenommenen hatten eines gemeinsam: Sie trugen ein T-Shirt mit derselben Aufschrift.

Subversives oder unschuldiges T-Shirt?

Der erste Vorfall hat einen Mann namens Gökhan Güçlü zum Protagonisten, berichtet das türkische Blatt "Sabah". Güçlü wird beschuldigt, an dem Putschversuch im Juli 2016 gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan beteiligt gewesen zu sein. Der Angeklagte ist laut Gerichtsakten Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen.

Als er am 15. Juli zu einem Gerichtstermin im weißen "Hero"-T-Shirt erschien, ließ der Richter ihn des Saales verweisen. Der Anwalt des Präsidenten hatte das Kleidungsstück als "Provokation" empfunden.

CommentCreated with Sketch. Jetzt kommentieren Arrow-RightCreated with Sketch. Das T-Shirt wird auf der türkischen Onlineplattform Defacto für 14,99 türkische Lira, umgerechnet 3,60 Euro, verkauft. Laut dem Nachrichtenportal Haber glaubt das Pro-Erdogan-Lager, dass "Hero" für "Hoca Effendi Rahat Ol" steht. Übersetzt heißt das etwa: "Kein Grund zur Sorge, verehrter Lehrer". Die Abkürzung soll demnach eine verschlüsselte Botschaft an Erdogans Erzfeind Fethullah Gülen sein, der seit 1999 in den USA lebt.

Eine perfide Strategie der Regierung?

Die Festnahmen würden zeigen, wie weitreichend die Kontrollmechanismen in der Türkei seien, kommentieren Türken auf Social Media. Wenn man sich die Fotos der Verhafteten ansehe, werde schnell klar, dass diese nicht ins Bild eines typischen Gülen-Anhängers passen würden.

Der Psychiater Cemal Dindar bietet gegenüber dem kanadischen Portal CBC eine Erklärung, wieso ein einfaches, billiges T-Shirt zu so viel Aufruhr führt: "Die Regierung will Unsicherheit und Angst verbreiten. Das Gefühl, dass man in einer sicheren Zeit und an einem sicheren Ort lebt, soll erstickt werden." (kle)

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