Wäre die Erde ohne die Menschheit besser dran?

Politiker beklagen immer wieder die zu tiefen Geburtenraten in den reichen Ländern. Es gibt aber eine Bewegung, die genau das gut findet. Ihre Ansichten sind extrem.

Im Jahr 2000 zog der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers mit dem Slogan "Kinder statt Inder" in den nordrhein-westfälischen Wahlkampf. Damit meinte er, dass weniger Computerspezialisten aus Indien angeworben werden müssten, wenn die Deutschen mehr Kinder bekämen.

Politiker klagen generell gern darüber, dass in den reichen Ländern nicht genug Kinder geboren würden. Man werde deshalb immer mehr auf Immigration angewiesen sein, wenn man die Sozialwerke auf dem bisherigen Niveau halten wolle. Seit 1992 existiert aber eine Bewegung, die tiefe Geburtenraten nicht nur gut findet, sondern es sogar begrüßen würde, wenn die menschliche Fortpflanzung zum Stillstand käme.

Freiwillige Selbstauslöschung

Das Voluntary Human Extinction Movement (VHEMT, gelegentlich "vehement" ausgesprochen) folgt einem erstaunlichen Motto: "May we live long and die out" (Mögen wir lange leben und aussterben). Auf der Website der Bewegung ist zu lesen, dass es eine "vielversprechende Alternative zum Verschwinden von Millionen von Pflanzen- und Tierarten" gebe, nämlich "die freiwillige Selbstauslöschung einer einzigen Spezies, des Homo sapiens".

Lebende nicht betroffen

Die Mitglieder des VHEMT beeilen sich zu versichern, dass sie keineswegs für die Selbsttötung oder gar Tötung bereits lebender Menschen plädieren. Man solle vielmehr das Leben im Rahmen des Möglichen genießen und sogar reichlich Sex haben, dabei aber darauf achten, dass nicht irrtümlicherweise ein Kind gezeugt werde. Diese negative Einstellung zur menschlichen Fortpflanzung wird Antinatalismus genannt.

Das Leben lohnt sich nicht

Der Belgier Théophile de Giraud ist der Sprecher des VHEMT im französischsprachigen Raum. Seines Erachtens gibt es neben der dem Menschen eigenen Zerstörungskraft ein weiteres Argument für den Antinatalismus: Das Leben sei nämlich gar nicht lebenswert.

Erstens überwiege der Schmerz immer die angenehmen Erfahrungen. "Vergleichen Sie einmal eine Migräne mit einem Orgasmus", sagte de Giraud kürzlich der "Zeit". Außerdem sei es viel schwieriger und unwahrscheinlicher, glücklich zu werden, als unglücklich zu sein. Schließlich werde die Zeit im Unglück ganz anders empfunden als im Glück: "Unglück dehnt die Zeit, Glück komprimiert sie."

Prominenter Vorläufer

Für seine negative Sicht des Lebens kann sich de Giraud auf illustre Vorbilder berufen, etwa auf den Philosophen Arthur Schopenhauer, der von 1788 bis 1860 lebte. Schopenhauer zufolge leben wir in der schlechtesten aller möglichen Welten, denn wäre sie "noch ein wenig schlechter, so könnte sie schon nicht mehr bestehen".

Ähnlich wie de Giraud meint auch Schopenhauer, dass jede Güter-Übel-Bilanz immer zugunsten des Schlechten ausfalle, weil ein Übel "nie durch das daneben oder danach vorhandene Gute getilgt, mithin auch nicht ausgeglichen werden kann. Denn dass Tausende in Glück und Wonne gelebt hätten, höbe ja nie die Angst und Todesmarter eines Einzigen auf." Alles Leben ist für ihn etwas, was nicht sein sollte, also ein Übel.

Naturkatastrophe Mensch

Die wenigsten dürften Schopenhauers und de Girauds düstere Sicht des Daseins teilen. Doch das VHEMT weist zweifellos zu Recht darauf hin, dass sich die Lebensweise des Menschen desaströs auf viele andere Arten auswirkt. So sind etwa in der Schweiz die wichtigsten Vogelarten des Kulturlandes seit 1990 um 30 Prozent zurückgegangen. Zahlreiche weitere Tier- und Pflanzenarten sind aufgrund menschlicher Aktivitäten vom Aussterben bedroht. Aus diesem Grund heißt eines der Bücherdes österreichischen Evolutionsbiologen Franz Wuketits "Naturkatastrophe Mensch".

Ohne Mensch keine "Welt"

Und doch wäre es schade, wenn die Spezies Homo sapiens einfach verschwände. Es gäbe dann nämlich kein Wesen mehr, das über den Begriff "Welt" verfügt. Alle anderen Tiere haben keine Vorstellung davon, dass es neben ihren vertrauten Lebensräumen zahlreiche Ökosysteme gibt, in denen sie gar nicht lebensfähig wären.

Ohne Sinn und Wert

Außerdem gäbe es dann niemanden mehr, der das Verschwinden des Menschen überhaupt als sinn- oder wertvoll empfinden könnte. Kategorien wie Sinn und Wert setzen voraus, dass man einer Sache Sinn verleihen und sie bewerten kann. Den nichtmenschlichen Tieren scheinen die dazu erforderlichen, äußerst komplexen Hirnstrukturen zu fehlen. Es ist doch faszinierend, dass die Evolution ein Lebewesen hervorgebracht hat, das sich nicht nur ihrer bewusst geworden ist, sondern auch zur Welt als Ganzer Stellung beziehen kann.

Vielleicht ließe sich das Motto des VHEMT ja retten, wenn man es etwas abschwächen würde: Mögen wir lange leben und deutlich weniger werden.

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