Wer neu nach Wien zieht oder den Bezirk wechselt, begibt sich oft auf eine lange und mühsame Suche nach einem Kassen-Kinderarzt. Im Fall der Wiener Mutter Helene S. ohne Erfolg: Die 39-jährige stieß bei ihrer Recherche entweder auf Wahlärzte oder wurde über Aufnahmestopps informiert – wir berichteten.
Österreich sei weit davon entfernt, ein Vorbild zu sein, kritisiert die Arbeiterkammer bei einer Pressekonferenz am Montag. Eltern wären nicht selten mit Wartezeiten von über einem Jahr oder Aufnahmesperren konfrontiert und würden meist ergebnislos im Kreis geschickt. Auch im Bereich Psychotherapie stoßen Eltern und Kinder laut Arbeiterkammer auf enorme Versorgungslücken. Die Eltern müssen das Honorar bezahlen und erhalten 80 Prozent erstattet. Die Vorauszahlung sei jedoch gerade für Kinder aus sozial benachteiligten Familien schwierig, sagt Sonja Gobara, ärztliche Leiterin des Kinderambulatoriums Sonnenschein und Obfrau der Politischen Kindermedizin.
Auf Therapieplätze wie etwa beim Logopäden warten Familien häufig bis zu zwei Jahre. Dadurch werden laut Experten Phasen der Sprachentwicklung versäumt, die nicht mehr nachgeholt werden können. Gleichzeitig fehlen Ressourcen in der Psychotherapie. Ein zusätzliches Problem: Kinder mit Beeinträchtigungen sind häufig auf sogenannte "Hilfsmittel", also Steh- und Gehhilfen, orthopädische Schuhe oder Rollstühle angewiesen. Die Krankenversicherung leistet nach derzeitiger Gesetzeslage zum Teil nur geringe Zuschüsse, kritisiert die Arbeiterkammer.
Um eine Notsituation zu verhindern, fordert die Arbeiterkammer nun bedarfsgerechte Investitionen in die Kindergesundheit. "Die Pädiatrie hat sich in der jüngeren Vergangenheit gewandelt", so Gobara. Zum einen müsse die Position niedergelassener Kinderärzte mit Kassenvertrag attraktiver werden – etwa durch Primärversorgungszentren anstatt "Einzelkämpferpraxen". Auch auf die Ausbildung soll noch mehr Wert gelegt werden: In bezahlten Lehrpraxen könnten junge Ärzte unterstützt werden.
Es ginge nicht nur um menschliche Tragödien, sondern auch um "volkswirtschaftliche Dummheit", heißt es. Kosten, die sich die Träger (z.B. Sozialversicherungen, Sozial- und Schulbehörden der Bundesländer) jetzt "sparen", würden in den Jahren und Jahrzehnten danach um ein Vielfaches vermehrt die gesamte Gesellschaft treffen. Denn chronische Krankheiten seien langfristig viel teurer für das Gesundheitssystem als frühe Intervention.
Die Stadt findet die Forderungen der Arbeiterkammer "nachvollziehbar", wie das Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) auf "Heute"-Anfrage mitteilt. Vor allem die Kinder- und Jugendpsychiatrie sei massiv unterversorgt. Ansetzen möchte man in Wien bei den Ambulatorien der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die von zwei auf sechs Standorte ausgebaut werden. Ebenso aufgestockt werden soll bei den Gesundheitszentren für Kinder. In beiden Bereichen sei eine Finanzierungszusage der Österreichischen Gesundheitskasse noch ausständig, heißt es.