Armee-Einsatz gegen Frankreichs Drogenbanden?

Bild: Reuters

Der Drogenkrieg in der französischen Mittelmeerstadt Marseille wird mit aller Härte und ohne Erbarmen geführt. Auf offener Straße werden Dealer von Mitgliedern anderer Banden niedergeschossen, Leichen werden in Brand gesteckt, um Spuren zu verwischen.

Auch bei der Wahl der Waffen sind die Drogengangster wenig zimperlich: Oft schießen sie mit dem Schnellfeuergewehr Kalaschnikow auf ihre Gegner. Kriegswaffen in der Hafenstadt - Bewohner und Politiker sind entsetzt. Jetzt wurde bei den regierenden Sozialisten sogar der Ruf nach einem Einsatz von Soldaten laut.

"Kampf gegen Ameisenhaufen"

"Die Drogenbanden benutzen Kriegswaffen, da kann nur noch die Armee intervenieren." Dieser Hilferuf kam von der sozialistischen Senatorin Samia Ghali, die auch Bürgermeisterin von zwei Stadtteilen des von der Gewalt erschütterten Nordens von Marseille ist. "Es hilft gar nichts mehr, einen Polizeiwagen zu schicken und Dealer festzunehmen. Wenn zehn festgenommen wurden, dann werden sie durch zehn neue ersetzt. Das ist wie ein Kampf gegen einen Ameisenhaufen."

Soldaten sollten die Dealer entwaffnen, forderte Ghali in der Zeitung La Provence. Die Armee solle potenziellen Drogenkunden den Zugang zu den Vierteln verwehren: "Wie in Kriegszeiten, mit Straßensperren."

Paris: Militäreinsatz "ausgeschlossen"

Die Regierung in Paris reagierte sofort auf die spektakuläre Forderung und ließ erst gar keinen Zweifel aufkommen: Ein Eingreifen von Soldaten sei "ausgeschlossen", sagte Innenminister Manuel Valls, der auch im eigenen Lager eher als Hardliner gilt. "Es gibt keinen Feind im Inneren." Auch von Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian kam ein klares Nein und Staatschef François Hollande stellte während eines Madrid-Besuchs klar, es sei Aufgabe der Polizei und nicht der Armee, in den Städten für Sicherheit zu sorgen.

Premierminister Jean-Marc Ayrault erklärte die Gewalt in Marseille aber rasch zur Chefsache. Die Regierung werde es nicht zulassen, dass die Situation in der zweitgrößten Stadt Frankreichs außer Kontrolle gerate, verkündete er. Am kommenden Donnerstag will er mit mehreren Ministern über ein "Aktionsprogramm" zu Marseille beraten.

Bandenkrieg forderte allein 2012 bereits 14 Tote

Dort war zuletzt am Mittwochabend ein junger Mann Opfer der Gewalt geworden. Der 25-Jährige, der in der Vergangenheit wegen Drogendelikten mit der Justiz in Konflikt geraten war, wurde in einem Kleinwagen von Kalaschnikow-Kugeln durchsiebt. Er ist das 14. Opfer der Kämpfe zwischen konkurrierenden Drogenbanden in Marseille allein in diesem Jahr. Wenn die Region um die südfranzösische Großstadt hinzugezählt wird, sind es bereits 19 Tote.

Schockiert sind die Franzosen vor allem über den Einsatz der großkalibrigen Kalaschnikows, die den Auseinandersetzungen der Drogenbanden in der 860.000-Einwohner-Stadt Marseille den Anstrich eines Bürgerkriegs geben. Die meisten Kalaschnikows werden aus dem früheren Jugoslawien eingeschmuggelt, wo es nach den Kriegen der 90er Jahren noch riesige Bestände der Schnellfeuerwaffe gibt.

Sturmgewehre billig zu haben

Für ein paar hundert Euro ist in Frankreich bereits eines der Schnellfeuer-Gewehre zu haben, bessere Kalaschnikows vom Balkan kosten auf dem Schwarzmarkt bis zu 2000 Euro. Das Geschäft ist für Schmuggler nicht allzu schwierig: Für eine im Februar ausgestrahlte TV-Dokumentation schmuggelte eine französische Journalistin eine Kalaschnikow von Sarajevo nach Paris - in einem gewöhnlichen Reisebus, die Waffe in einer Sporttasche versteckt.

15.000 Kalaschnikows in Vorstädten im "Einsatz"

Rund 15.000 Kalaschnikows sollen in den französischen Vorstädten im Umlauf sein, und sie kommen längst nicht nur im Drogenmilieu von Marseille zum Einsatz. Im Juli erschoss ein Mann im nordfranzösischen Lille vor einer Diskothek mit einer Kalaschnikow zwei Menschen, offenbar weil er von den Türstehern abgewiesen worden war. Erst vor drei Wochen überfielen zwei Räuber mit solchen Schnellfeuerwaffen einen Juwelier in Grenoble. Ein Polizist bemerkte resigniert: "Es ist so leicht, sich eine Kalaschnikow zu besorgen, dass sie jetzt sogar von normalem Gauner genutzt werden."

APA/red.

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