Wien

Medizin zu teuer – Wiener kollabierte vor Sozialmarkt

Eine Caritas-Umfrage zeichnet ein düsteres Bild der Armutssituation in Wien. Die vergangenen Monate seien "beispiellos" gewesen, es brauche Reformen.
Yvonne Mresch
04.05.2023, 16:41
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"Wir hatten einen Mindestpensionisten hier, der sich seine Medikamente nicht mehr leisten konnte. Er brach vor unserer Lebensmittelausgabe zusammen", schildert Doris Anzengruber, Leiterin der Caritas Sozialberatung die dramatische Situation in Wien. Es sei nicht das einzige Mal, dass eine Geschichte sie sprachlos gemacht habe: "Eine Frau musste ihr Erspartes für die Begräbniskosten verwenden, um den Strom bezahlen zu können. Eine andere Klientin schickt ihre Kinder nicht mehr auf Geburtstage, weil sie kein Geld für Geschenke hat. Die letzten Monate waren beispiellos."

Ein deutliches Bild der Armutssituation liefert eine aktuelle Umfrage des Sozialforschungsinstitut SORA und der Caritas Wien. Der Titel: "Unterm Radar". Zwischen Dezember 2022 und März 2023 wurden 400 Personen in Wien und Niederösterreich aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten befragt – von Mindestpensionisten, über Alleinerziehende bis hin zu Menschen, die trotz Job auf Hilfe angewiesen sind.

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Caritas Wien-Chef Klaus Schwertner (re.) und Günther Ogris vom Sozialforschungsinstitut SORA präsentierten die Umfrage.
Johannes Hloch

85 Prozent auf finanzielle Hilfe angewiesen

Rund 200.000 Menschen gelten in Österreich als stark armutsbetroffen – um 40.000 Personen mehr als im Vorjahr. 8 von 10 Klienten leiden demnach unter erheblicher materieller und sozialer Deprivation. Knapp 70 Prozent der Hilfesuchenden hätten nie gedacht, auf Unterstützung angewiesen zu sein. Mehr als die Hälfte der Befragten geht davon aus, langfristig Hilfe zu brauchen.

94 Prozent können sich keine regelmäßigen Freizeitaktivitäten mehr leisten, mehr als 85 Prozent mussten sich sogar verschulden oder sind auf finanzielle Hilfe angewiesen. 76 Prozent müssen auf vollwertige Mahlzeiten verzichten. 73 Prozent können ihre Wohnung nicht warmhalten und 70 Prozent ihre abgenutzte Kleidung nicht ersetzen. Besonders auffällig: Der Anteil der Alleinerziehenden unter den Befragten ist mit 25 Prozent hoch, so der wissenschaftliche Leiter Günther Ogris. 

Ruf nach Reformen: "Die Fakten liegen auf dem Tisch"

"Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache – und wir waren kurz sprachlos, als wir sie gesehen haben", so Caritas Wien-Chef Klaus Schwertner. "Ich ärgere mich, wenn man von "sozial schwachen" Personen spricht, denn diese Menschen sind sehr stark. Sie überwinden die Scham, holen sich Hilfe. Wir wollen diesen Menschen eine Stimme und ein Gesicht geben. Armut geht einher mit Mangel, Verzicht und Hoffnungslosigkeit."

Bei der Umfrage ging es auch um die Wünsche, die Betroffene an die Politik richten. So werden strukturelle und langfristige Hilfen gegenüber Einmalzahlungen bevorzugt, auch eine Erhöhung der Mindestsicherung ist Thema. Die Caritas nimmt die Politik in die Pflicht und fordert abermals eine Reform der Sozialhilfe Neu. "Man wirft uns Alarmismus vor, aber die Fakten liegen auf dem Tisch. Die Politik muss sich der Realität stellen, Einmalzahlungen sind zu wenig", so Schwertner. Es brauche etwa bedarfsorientierte Kinderrichtsätze, ein Verbot der Anrechnung anderer Sozialleistungen sowie eine Valorisierung des Arbeitslosengeldes und der Notstandshilfe und die Schaffung eines Energiearmutsgesetzes.

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