"Geht mir nicht gut"

Auge blieb stecken – Frau nach Pfusch-OPs entstellt

Nach mehreren Eingriffen kann Elisabeth Rainer (41) ihr linkes Auge nicht mehr kontrolliert bewegen. Schuld daran soll ein Ex-AKH-Chirurg sein.  

Christine Ziechert
Auge blieb stecken – Frau nach Pfusch-OPs entstellt
Elisabeth Rainer vor – und nach den Eingriffen.
Elisabeth Rainer, Sissi Furgler Fotografie

Wer Elisabeth Rainer (41) sieht, denkt sofort, dass die gebürtige Kärntnerin ein Glasauge hat. Doch die 41-Jährige hat ihr heutiges Aussehen mehreren verpfuschten Operationen zu "verdanken". Rainer kann ihr linkes Auge nicht mehr kontrolliert bewegen, hat ein eingeschränktes Sichtfeld und muss jederzeit damit rechnen, dass der Augapfel – etwa bei einem heftigen Nieser – in die Augenhöhle absinkt: "Ich fühle mich entstellt, und mir geht's nicht gut. Ich habe Gefühlsstörungen und kann mich nicht einmal schminken", erklärt sie im "Heute"-Gespräch.

Vor 13 Jahren wurde bei der Wahl-Grazerin Morbus Basedow, eine Schilddrüsenüberfunktion, diagnostiziert. Die Krankheit führt zu Fettablagerungen hinter dem Auge, dadurch wird der Augapfel aus der Augenhöhle gedrängt: "Das hat zu einer Lidschluss-Problematik von zwei Millimetern geführt", erinnert sich Rainer.

Obwohl nur das linke Auge betroffen war, drängte der Arzt auch auf das rechte. Im Grunde wollte er mehr machen, als nötig gewesen wäre
Elisabeth Rainer
Pfusch-Opfer

Da dadurch langfristig die Netzhaut gelitten hätte, entschied sich Rainer im Dezember 2021 dafür, dass Fettgewebe absaugen zu lassen: "Ich war im LKH Graz in Behandlung, dort wurde mir von einer Ärztin das Wiener AKH empfohlen. Ich dachte damals: Je größer das Krankenhaus, umso besser die Ärzte."

Die 41-Jährige wandte sich daher an einen nach eigenen Angaben erfahrenen Spezialisten der Abteilung Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie: "Obwohl nur das linke Auge betroffen war, drängte der Arzt auch auf das rechte. Zudem wollte er mir gratis die Wangenknochen setzen. Im Grunde wollte er mehr machen, als nötig gewesen wäre", meint Rainer.

Arzt gab fehlendem Training die Schuld

Im April 2022 wurde die 41-Jährige am AKH operiert – laut Rainer wurde sie aber nicht über die potenziellen Risiken in Kenntnis gesetzt, ein klassischer Aufklärungsbogen soll gefehlt haben – das AKH bestreitet diese Vorwürfe. Nach dem Eingriff – bei dem beide Augen operiert wurden – hatte sich der Zustand der Kärntnerin allerdings verschlechtert. Sie konnte ihr linkes Auge nicht mehr bewegen, sah verzerrt und manchmal auch Fünffach-Bilder: "Da sind bei mir erste Zweifel aufgekommen."

Bei der Nachkontrolle soll der Mediziner dem fehlenden "Augentraining" die Schuld gegeben haben: "Er hat versucht mir einzureden, dass das meine Erkrankung ist. Aber meine Schilddrüsen-Werte waren im Normalbereich", erzählt Rainer. Ende Juni folgte schließlich eine zweite OP, bei der der 41-Jährigen ein Implantat eingesetzt und die halbe Augenhöhle nach vorne geschoben wurde.

Der Operateur hatte bei der zweiten OP die Schrauben zu fest gezogen, das Implantat ist daher schon beim Eingriff gebrochen.
Elisabeth Rainer
Pfusch-Opfer

Bereits am nächsten Morgen hatte Rainer große Schmerzen, dennoch wurde ihr empfohlen, das Auge immer weiter zu bewegen. Da die Schmerzen und auch Sehstörungen nicht nachließen, versuchte die Wahl-Grazerin den Operateur immer wieder zu erreichen – ohne Erfolg. Rainer wandte sich daher an eine AKH-Kollegin des Arztes, die feststellte, dass die verwendeten OP-Nähte viel zu dick waren und der Bewegungsradius des linken Auges massiv eingeschränkt ist. Zudem wurde die Hornhaut irreversibel geschädigt.

Zu all den Schmerzen kam dann noch ein Schock: Ein beulenartiges Gewächs bohrt sich aus Rainers Schläfe: "Der Operateur hatte bei der zweiten OP die Schrauben zu fest gezogen, das Implantat ist daher schon beim Eingriff gebrochen. Er meinte dazu nur: 'Ich bin halt ein kräftiger Mann'", berichtet Rainer.

Auch dritter Eingriff ohne Erfolg

Ihre Ärztin riet der 41-Jährigen zu einem neuerlichen Eingriff, bei dem sie den mittlerweile pensionierten AKH-Operateur hinzuziehen wollte: "Ich sah keinen anderen Ausweg, als habe ich zugestimmt", sagt Rainer. Im November 2022 wurde der 41-Jährigen das beschädigte Implantat entfernt, das Unterlid über eine Naht an der Stirn befestigt. Die OP fand in einer Privatklinik statt und kostete rund 6.000 Euro.

Doch auch nach dem dritten Eingriff blieb Rainers linkes Auge unbeweglich, und das Sichtfeld massiv eingeschränkt. Auch die Schmerzen und Sehstörungen waren nicht weg. Die 41-Jährige suchte sich daher einen Augen-Spezialisten – und wurde in Spanien fündig: "So einen Fall habe ich noch nie erlebt. Die Eingriffe sind nachweislich katastrophal durchgeführt", soll der Experte Rainer erklärt haben.

Wir werden beweisen, wie inkompetent vorgegangen wurde, und sind der festen Überzeugung, dass es sich hier um keinen Einzelfall handelt
Michael Stummvoll
Rechtsanwalt

Laut dem Spezialisten ist bei Rainer der Augenmuskel beschädigt, Nerven wurden ohne sichtbaren Grund durchtrennt, die Nasennebenhöhlen verengt. Nach zwei Eingriffen durch den spanischen Mediziner, für die Rainer rund 36.000 Euro hinblättern musste, nahmen ihre Schmerzen und Sehstörungen ab, das Auge wurde zumindest stabilisiert. 

Die Kärntnerin will nun die Kosten für die letzten drei Eingriffe zurück (rund 42.000 Euro) und fordert Gerechtigkeit: Laut ihrem Anwalt Michael Stummvoll liegt eine "Vielzahl an Kunstfehlern vor". "Wir werden beweisen, wie inkompetent vorgegangen wurde, und sind der festen Überzeugung, dass es sich hier um keinen Einzelfall handelt", so Stummvoll. 

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    Elisabeth Rainer mit Hund Chester
    Elisabeth Rainer mit Hund Chester
    Elisabeth Rainer

    Klage ist nicht vom Tisch

    Derzeit laufen Verhandlungen für eine außergerichtliche Einigung, ein Gutachten zur Beurteilung der Leistung des Chirurgen ist geplant. Laut Stummvoll ist eine Klage aber nicht vom Tisch – sie könnte u.a. Schadenersatz, Schmerzengeld, die Kunstfehler und eine Haftung für Dauer- und Folgeschäden enthalten. Zudem hätten sich zwei weitere Betroffene des selben Arztes an die Kanzlei gewandt: "Wir betrachten dies nicht nur als ein Einzelschicksal, sondern als ein systematisches Versagen sowohl des AKH Wien als auch des medizinischen Systems in Österreich", erklärt Stummvoll.

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