Keine Ruhe um Xaver Bayer – und das, obwohl sein Briefroman "Hauch" zu mehr Entschleunigung einlädt: Der Wiener Autor steht im Juli auf der ORF-Bestenliste, las Mitte des Monats gemeinsam mit Laura Freudenthaler und Hanno Millesi beim Kultursommer Wien – und hat auch schon die nächsten Projekte in der Pipeline.
Mit seinem aktuellen Prosawerk "Hauch" hat Bayer nach rund 20 Jahren wieder einen Roman veröffentlicht – und setzt dabei ausgerechnet auf eine fast vergessene Form: den Briefroman. Darin schreiben sich der Schriftsteller Veit und die Übersetzerin Dora ein Jahr lang Briefe, ohne einander zu begegnen. Warum sie diese ungewöhnliche Vereinbarung getroffen haben, bleibt offen. Statt großer Dramatik lebt die Geschichte von Zwischentönen, Sehnsucht und dem Rückzug aus einer immer lauteren Welt.
Dass Bayer gerade diese Form gewählt hat, ist kein Zufall. "Das Briefgenre ist eine gute Entgegensetzung zu dem digitalen Tsunami, dem wir ausgesetzt sind. Das Schreiben mit der Hand ist auch etwas Geistbildendes. Man findet besser zu seinen Gefühlen und Gedanken, wenn man sie mit der Hand aufschreibt", sagt der Autor.
Für ihn hat der klassische Brief einen entscheidenden Vorteil gegenüber der schnellen Nachricht am Smartphone. "Es bedarf viel weniger Aufwand, einfach eine WhatsApp zu senden. Aber mit dem Briefeschreiben verhält es sich wie mit dem Kochen auch: Das, was mehr Mühe bereitet, bringt am Ende oft etwas Besseres hervor."
Im Gespräch spart Bayer auch nicht mit Kritik an unserer digitalen Gegenwart. Er ist überzeugt, dass viele Menschen bereits spüren, wie gut ihnen eine Pause vom Bildschirm tut. "Ich glaube, dass die Menschen langsam dahinterkommen, dass es ihnen einfach besser geht, wenn sie das Smartphone einmal aus der Hand legen und in die Natur gehen."
Noch deutlicher wird der Schriftsteller beim Thema Lesen. "Smartphones zerstören auf jeden Fall die Konzentrationsfähigkeit, weil Literatur eigentlich einen langen Atem hat und Dauer vermittelt. Insofern stehen sich Smartphones und Literatur feindlich gegenüber."
Auch den aktuellen BookTok-Boom sieht Bayer skeptisch. Zwar könne die Plattform junge Menschen zum Lesen bringen, "die Frage ist nur, zu welcher Literatur sie dadurch finden, denn diese New-Adult-Sache ist im Grunde Schundliteratur", meint er.
Besorgt zeigt sich Bayer auch über den Umgang mit Daten, Künstlicher Intelligenz und technologischer Entwicklung. "Wir bewegen uns sehr schnell" in Richtung Dystopie, jene Zukunft, die schon Aldous Huxley in "Brave New World" vorausgesagt hat. Viele Menschen wüssten gar nicht, welche Folgen der Smartphone-Gebrauch habe. "Was mit unseren Daten geschieht, was momentan in KI und Rechenzentren investiert wird und was die Aufrüstung anbelangt – da muss man nur eins und eins zusammenzählen, um mit Sorge in die Zukunft zu blicken."
Stillstand ist für den Autor trotz – oder vielleicht gerade wegen – düsteren Zukunftsprognosen keine Option. Nach dem Erfolg von "Hauch" geht es Schlag auf Schlag weiter: Bereits in Kürze erscheint das von Deborah Sengl illustrierte Büchlein "Kong", parallel arbeitet Bayer an einem Gedichtband, der im kommenden Jahr veröffentlicht werden soll.