"Avengers"-Singleplayer im Test: Das ginge auch besser

"Marvel's Avengers" ist da – und will Fans über Jahre mit seinem Multiplayer bei der Stange halten. Darunter leidet die Story-Kampagne.

Was haben Videospieler und Superhelden-Fans schon an dunkle Zeiten hinter sich. Bereits in den 90er-Jahren gab es massig Lizenzschrott, im Fahrwasser der erfolgreichen ersten Marvel-Studios-Produktionen erschienen auch rund um Hulk, Thor und Captain America echte Game-Gurken. Die Superhelden-Wende kam mit "Batman: Arkham Asylum", eine bis heute grandiose Umsetzung des Dunklen Ritters. Und auf der PlayStation 4 bewies Sony mit "Marvel’s Spider-Man", dass der Wandkrabbler ebenfalls für mehr gut ist als die 08/15-Ware, die Activision über Jahre mit dem Charakter veröffentlichte.

Wer aufgepasst hat, weiß: Sowohl die "Batman"-Spiele als auch "Spider-Man" konzentrieren sich ganz auf eine ansprechende Singleplayer-Erfahrung, haben großteils gar keinen Mehrspieler-Part. Das nun erschienene "Marvel’s Avengers" setzt umso mehr auf Multiplayer-Action (hier der "Heute"-Test) und Games-as-a-Service-Mechaniken, was die Story-Kampagne hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben lässt.

Avengers Disassembled

Die Prämisse ist frisch und clever: Man erlebt das Game quasi durch die Augen von Kamala Khan. Die Teenagerin ist der größte Fan der Avengers im Marvel-Universum – und wird alsbald selbst zur Heldin. Bei einer Katastrophe, die die Avengers zersprengt, halb San Francisco verwüstet und Captain America scheinbar das Leben kostet, atmet sie Terrigen ein. Das Gas erweckt ihre Macht – und sie wird zu Ms. Marvel, die ihren Körper wie Gummi dehnen und vergrößern kann.

Die Kampagne spielt fünf Jahre später. Kamala muss die Mitglieder der Avengers ausfindig machen und überzeugen, wieder zusammenzuarbeiten. Denn in der Zwischenzeit hat der böse Konzern Advanced Idea Mechanics (AIM) die Kontrolle über das tägliche Leben der Menschen übernommen. Und Inhumans, also mutierte Menschen mit Superkräften, wie Kamala eine ist, werden gnadenlos gejagt.

Zwar ist AIM ein hervorragender Antagonist, die immer gleichen Roboter in vielen ähnlich aussehenden Basen zu bekämpfen, kann mit der Zeit allerdings schon langweilig werden. Zum Glück kann das Entwicklerstudio Crystal Dynamics, das bereits die "Tomb Raider"-Serie mit einer großartigen Trilogie revitalisierte, seine Story-Stärken in einem angemessenen Maße ausspielen. Die Interaktionen zwischen den Helden in Zwischensequenzen sind klasse geschrieben und erinnern mit ihren flotten Wortwitzen an die Marvel-Filme im Kino. Und immer wieder werden Spieler auch mit bombastisch inszenierten Sequenzen verwöhnt, die es so auch im Kino geben könnte.

Loot ohne Style

Doch leider sind nicht alle Missionen dermaßen durchdesignt, sondern im Wesentlichen oft einfach eine Vorbereitung auf den Multiplayer-Modus. Über den Helicarrier, der als Hub dient, reist man an verschiedene Orte auf dem Globus, um gegen AIM anzutreten. Hier ein paar Gegnerwellen besiegen, dort Generatoren zerstören. Für einen Loot-orientierten Mehrspielertitel mag das in Ordnung sein, in einer Kampagne dürfte man sich aber schon mehr erwarten.

Wirklich kurios wird es aber beim Loot-System des Spiels. Einerseits lässt "Marvel's Avengers" Spieler Dutzende Ressourcen von Comics über Ausrüstung und Kostümen bis hin zu Verbesserungsmaterialien finden oder bei den Ingame-Händlern kaufen. Das macht Spaß, wenn man erst weiß, was man mit den Items überhaupt macht. Dann fuchst man sich etwa in die Ausrüstung ein und erkennt, wie tiefgreifend die Mechaniken eigentlich sind.

Die Ausrüstungsgegenstände können je nach Stufe und Seltenheit nicht nur die Nahkampf-, Fernkampf-, Verteidigungs- und Helden-Werte der Avengers verbessern, sondern auch mehrere Zusatzeffekte wie Heilungsboosts oder Lähmungsboni haben. Dass sie keine neuen Schläge und Schüsse möglich machen, ist schade. Noch dazu ändern sie die Optik der Spielfiguren in keiner Weise. Egal welchen Brustpanzer oder welche Handschuhe man dem Helden anlegt, die Statuswerte verändern sich zwar, im Spiel sieht die jeweilige Figur aber immer gleich aus. Die Erklärung: Separat dazu können noch ikonische Kostüme freigespielt – oder angesichts der hohen Anforderungen realistischer – mit Echtgeld gekauft werden.

Klotz am Bein

Kann man darüber aber hinwegsehen, kann man wirklich Spaß mit Iron Man, Captain America, Thor, Black Widow, dem Hulk und Ms. Marvel haben. Noch dazu versprechen die Entwickler nicht nur laufend neue Multiplayer-Inhalte, sondern auch Story-Updates mit zusätzlichen Helden. Bereits angekündigt ist Kate Bishop, die weibliche Schülerin von Hawkeye. Der Avenger gilt als verschwunden und muss in den neuen Missionen, die noch in diesem Jahr erscheinen werden, ausfindig gemacht werden.

Welche Pläne es für Spider-Man gibt, der 2021 exklusiv auf PlayStation-Konsolen ins Spiel schwingt, ist noch nicht bekannt. Die Kampagne von "Marvel’s Avengers" ist solide, macht Spaß und vermittelt stellenweise ein wirklich bombastisches Superhelden-Gefühl. Ohne Games-as-a-Service, Multiplayer und Mikrotransaktionen als Klötze am Bein wäre die Story aber vermutlich besser gewesen.

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