"Öffentlich-Rechtliche müssen Geld angreifen!"

Am 30.9. feiert Karl Markovics in "Babylon Berlin" ORF-Premiere, mit "Heute" spricht er über den Streaming-Hype, gute Ausreden, Überheblichkeit und sein Bauchgefühl.

40 Mio. Euro Budget, 300 Sprechrollen, 5.000 Komparsen, topbesetzt bis in die letzte Reihe: "Babylon Berlin" (feiert am 30.9., 20.15 Uhr deutschsprachige Free-TV-Premiere auf ORF eins) ist das Gipfeltreffen der Superlative – mit dabei: Karl Markovics (u.a. Die Fälscher") als Austro-Journalist Samuel Katelbach.

"Ich muss keinen gescheiter machen"

Im "Heute"-Talk beschreibt er seine Rolle des Samuel Katelbach als "überraschend klischeefrei und und extrem gut recherchiert". Wäre es anders gewesen, hätte die teuerste deutsch Fernsehserie aller Zeiten wohl ohne unseren Charakterschauspieler auskommen müssen: "Wenn ich Vorlagen zu extrem finde und glaube, mit Regisseuren gar nicht über die Dialoge reden zu können, sage ich, dass ich zeitlich oder wesensmäßig nicht imstande bin, die Rolle anzunehmen." Also lieber eine Ausrede, als die Wahrheit? Markovics: „Wenn es sich vermeiden lässt, bin ich kein Verfechter der Wahrheit. Warum soll ich wem etwas unter die Nase reiben, das er, wenn er gescheit ist, entweder ohnehin selber weiß, oder, wenn er blöd ist, nie wissen wird. Dann muss ich ihn ja nicht gescheiter machen, sondern belasse es lieber dabei."

Streaming- und Pay-TV mit "Ausnahmedrehbüchern"

Am TV-Event über das "Lebensgefühl einer Stadt an der Kippe" überzeugte ihn damals aber alles. Er sagte zu – so, wie für drei andere Streaming- bzw. Pay-TV-Projekte auch. Laut Markovics waren das allesamt "Ausnahmedrehbücher", die es sonst nie gegeben hätte. "Ich bin ein Verfechter der Öffentlichen-Rechtlichen. Aber ich hoffe, jetzt kapieren sie langsam, dass sie Geld für die Entwicklung angreifen müssen."

Interview mit Karl Markovics



"Heute": Wie groß war die Gefahr, mit der Darstellung des verschrobenen, aber in seiner Arbeit doch sehr akkuratem „Ösi-Journalisten", in eine Rolle zu rutschen, die es gar nicht gibt? Einfach deshalb, weil sie die Deutschen nur erfunden haben …

Karl Markovics: Ich finde, dass Katelbach ausnehmend und überraschend klischeefrei geschrieben wurde. Klischee ist ja die Verdichtung der Realität, aber hier haben die Autoren wirklich extrem genau recherchiert. Diese Figur gibt's bei Karl Kraus, zum Beispiel. Dieser Typus des Schriftsteller-Journalisten. Des Autors, der als Brotberuf für einer Zeitung arbeitet. Die haben damals keine Lokalberichte geschrieben, sondern Essays. Und dieses Vorbild eines aus Österreich stammenden Intellektuellen in einer Großstadt wie Berlin Ende der 1920er, wurde extrem gut getroffen. Sowohl in Sachen Interaktion mit der Hauptfigur als auch bei der Dialogführung. Das fand ich schön und stimmig und ich wusste, dass ich mich da nicht groß weiter darauf vorbereiten muss oder einen Regisseur davon überzeugen muss, eine Färbung reinzubringen. Sie war eh schon da.



"Heute": Wie hätten Sie auf die Anfrage reagiert, wäre es anders gewesen?


Markovics: Ich versuche schon, mit den Regisseuren darüber zu reden, inwieweit über Dialoge zu diskutiert werden kann. Wenn ich es aber so extrem finde in der Vorlage, dass ich meine, dass es schwierig wird kann oder einen halben Kompromiss gibt, finde ich eine Ausrede und sage, dass ich zeitlich oder wesensmäßig nicht imstande bin, die Rolle anzunehmen.



"Heute": Also lieber eine Ausrede, als die Wahrheit. Warum?


Markovics: Wenn es sich vermeiden lässt, bin ich kein Verfechter der Wahheit. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann schon. Ich scheue sie nicht. Aber warum soll ich wem, der ein Projekt hat, etwas unter die Nase reiben, dass er, wenn er gescheit ist, entweder eh selber weiß, oder, wenn er blöd ist, nie wissen wird. Dann muss ICH ihn ja nicht gescheiter machen, sondern belasse es dabei. Wenn ich aber das Gefühl habe, dass Kritik ankommt, dann äußere ich sie und sage, dass ich eine Vorlage hölzern, oder einseitig oder klischeehaft oder dergleichen finde. Aber ich tu das nicht um jeden Preis.

"Heute": Könnte Ihnen das nicht als überheblich ausgelegt werden, Menschen von vornherein als kritikresistent einzustufen?

Markovics: Ja, das ist ja auch überheblich. Aber: Ich bin seit 27 Jahren in dem Beruf, mache Filme, inszeniere und ich lese sehr viel. Und ich maße mir an, eine gewisse Ahnung von Dingen zu haben und auch antizipieren zu könne, inwieweit es Möglichkeiten gäbe, irgendwohin zu kommen. Und das stimmt dann auch meistens. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten 15 bis 20 Jahren damit falsch gelegen zu sein. Abgesehen davon habe ich ein gutes Bauchgefühl. Nur mit dem kann ich schwer argumentieren. Außer bei Leuten, die ich gut kenne. Da reicht es, wenn ich sage: "Du, ich spüre die Rolle nicht wirklich."

"Heute": Das muss ein schönes Gefühl sein, wenn man so etwas von sich behaupten kann und noch dazu absolut glaubwürdig ist

Markovics: Ja, das finde ich auch. Oder ist das jetzt schon wieder arrogant … (lacht)?

"Heute": Was macht den Stoff von "Babylon Berlin" aus?

Markovics: Das ganze Projekt als solches. Eine eigene Farbe in diesem unglaublichen Sittengemälde sein zu dürfen, reiz mich über die Maßen. Erstens ist es die Zeit an sich, und zweitens der Umgang mit ebendieser. Die Weimarer Republik wurde in der Schule so behandelt: Erster Weltkrieg ist schon vorbei, der nächste hat noch nicht angefangen. Dazwischen gab's das: Eine Republik, Rosa Luxemburg, Aufstände, das Aufkeimen des Nationsozialismus' dann kam schon Hitler und der Zweite Weltkrieg war da. Das war so schade, weil man so viel verpasst hat von dem, was sich da anhand dieses Druckkessels und Schmelztiegels Berlin entwickelt hat. Was war das Zeitgefühl, dass die Leute damals do getan haben, als gäbe es kein Morgen? Und die waren damals wirklich so. Siegfried Kracauer, etwas, erzählt in seinem Buch "Die Angestellten" von einem Mann, der in der Straßenbahn die abgewetzten Schuhe einer Dame anschaut. Sie bemerkt den Blick, lacht halb verlegen und meint: "Das ist zweite Paar, das ich in diesem Monat durchgetanzt habe." Die Leute haben am Tag gearbeitet wie die Viecher, dann haben sie sich unter den Achseln und im Schritt gewaschen, umgezogen und dann durchgetanzt. Das Leben wird zu kurz sein, war ihre Denke. Die Romanvorlage für das Projekt und die Drehbuchadaption nimmt dieses Lebensgefühl als Schwerpunkt. Nicht die Krimihandlung, die ist austauschbar. Sie ist nur das Vehikel, um Menschen bei der Stange zu halten. Ein gutes, aber das Eigentlich ist das Lebensgefühl einer Stadt an der Kippe.

"Heute": Gerne werden auch politische und wirtschaftliche Parallelen zur heutigen Zeit gezogen. Ist das aus Ihrer Sicht angebracht?

Markovics: Das ist schwierig, da es zwischen diesen beiden Epochen ebenso viele Gemeinsamkeiten wie Unterschiede gibt. Die Gründe, warum es bei uns heute wieder zurück zu einem gewissen Konservatismus geht, zurück zu mehr Sicherheit zugunsten von Freiheit und Bürgerrechten, sind aber ganz andere. Deshalb will ich die Parallelen nicht zu eng ziehen. Das sind zwei schon sehr verschiedene Zeiten.

"Heute": Wenn ich Sie in eine Zeitmaschine setzen dürfte, wo würde ich Sie antreffen? Im Tanzpalast oder rauchend hinter einem Zeitschriftenberg?



Markovics: Ich könnte mir genau diese Rolle, das Leben von Samuel Katelbach, sehr gut auch für mich vorstellen. Deshalb habe ich mich ja auch so wohlgefühlt. Auch in seiner Position. Als Korrespondent, als einer in einem Zwischenstadium, immer mit dem Bahnticket in der Tasche, falls er zurückberufen wird. Einer an der Schnittstelle zwischen Informationen und deren Vermittlung.



"Heute": Die Dimensionen der Produktion sind enorm, der Pressetext verheißt ein Konzentrat an Superlativen. Haben Sie sich auf dieser gigantischen Spielwiese nie verloren?


Markovics: Nein, nie. Ich hab mich immer sicher gefühlt, mich überkam nicht einmal an den großen Sets, wie der eigens gebauten Neuen Berliner Straße, ein Gefühl der Verlorenheit. Wie es die insegsamt drei Regisseure geschafft haben, trotz dieses ungeheuren Vorhabens ein Gefühl der Intimität zu vermitteln, weiß ich nicht. Ich nehme an, es war die profunde Vorbereitung, die zwei Jahre gedauert hat und von Anfang an zu spüren war. Im ehemaligen DDR-Innenministerium hatten die mehrere Etagen, wo wirklich jedes Büro besetzt war. Diese akribische Vorbereitung – sie schrieben miteinander die Bücher und kannten das Projekt alle zur Gänze – kann aber natürlich trotzdem nach hinten losgehen, insofern, als dass man die Zahnräder spürt. Aber das war nie der Fall, weder beim Drehen noch beim Anschauen. Das ist das eigentliche Erstaunliche. Der Glücksfall, dass es viel Geld gab, das dann auch noch an den richtigen Stellen angekommen ist.

"Heute": Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie fürs lineare TV drehen oder für Streaming-Plattformen?

Markovics: Für die Arbeit an sich ist es mir egal. Aber, was schon spürbar ist: Mit dieser Goldgräberstimmung jetzt kamen plötzlich Projekte daher, die so spannend sind, dass ich sie einfach machen musste – obwohl ich früher nur ein Fünftel aller mir angebotenen Dinge gemacht habe. Letztes Jahr machte ich gleich vier Projekte, sas waren allesamt Ausnahmebücher fürs Pay-TV bzw. Streaming-Produkte, die es sonst nicht gegeben hätte. Ich hoffe, es kapieren jetzt auch einmal die Öffentlichen-Rechtlichen, dass sie Geld in die Hand nehmen müssen für Entwicklung. Ich kann nicht sagen: "Kommt's und bringt's mir was, wenn es nicht ganz so schlecht ist, machen wir es." Es muss heißen: "Wir hören nicht auf, zu entwickeln, bis es genau so ist, dass es dem Anspruch genügt." Das richtige Geld kostet dann eh der Dreh, aber was ist denn dabei, einmal 30.000 oder 50.000 Euro in die Hand zu nehmen und drei Autoren für ein Jahr zu finanzieren. Ihnen die Zeit zu geben, etwas über längere Zeit ausreifen zu lassen, was dann auch wirklich Neu ist. Das ist ja lächerlich, diese Summe. Ich glaube schon, dass dieser Streaming-Hype in den Köpfen von Fernsehmachern jetzt langsam etwas bewegt. Dass die sich einmal fragen, was die richtig machen! Ich bin ein Verfechter des Öffentlich-Rechtlichen, aber ich finde, wenn es auf der Höhe der Zeit bleiben will, muss es da dranbleiben. Das passiert ja jetzt eh zum Glück, Marvin Kren, etwa, macht was für den ORF und Netflix. Diese Ballung der Mittel, das soll sein.

Inhalt von "Babylon Berlin"

Die 16 Folgen der ersten beiden Staffeln feiern ab 30.9., 20.15 Uhr, ORF eins, ihre deutschsprachige Free-TV-Premiere. Auf Basis von Volker Kutschers international erfolgreicher Bestseller-Reihe blickt nun auch das TV-Publikum mit den Augen eines jungen Kommissars aus Köln hinter die Kulissen der "Goldenen Zwanziger" – mitten in eine Welt zwischen Drogen und Politik, Mord und Kunst, Emanzipation und Extremismus. Weiter geht es dann am 4.10. jeweils Donnerstag ab 22.20 Uhr in Doppel- bzw. Tripelfolgen.

Inhalt von Folge 1

Im Rahmen seiner Ermittlungen gegen einen Pornoring stößt Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) bei einer Razzia auf ein brisantes Foto. Der Fall, den er gemeinsam mit Kommissar Wolter (Peter Kurth) begleitet, erfährt so eine unerwartete Wendung. Gleichzeitig passiert ein Zug mit brisanter Fracht unkontrolliert die Grenze von Russland nach Deutschland. In Berlin sorgt dies bei dem russischen Revolutionär Alexei Kardakow und seiner Freundin, der russischen Sängerin Swetlana Sorokina (Severija Janušauskait), für Erleichterung.

Inhalt von Folge 2

Das Verhör des festgenommenen Porno-Produzenten-Königs durch Gereon Rath gerät außer Kontrolle. Rath findet sich im Präsidium in einer heiklen Situation wieder, aus der Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) ihn retten kann. Abends amüsiert sich Charlotte im angesagten Tanzpalast „Moka Efti". Der Sänger des Abends, Nikoros, ist jedoch nicht der, der er zu sein vorgibt.

Peisgekrönt, topbesetzt, aufwendigst produziert

In den Hauptrollen sind Volker Bruch als junger Kommissar Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Stenotypistin Charlotte Ritter zu sehen. In weiteren Rollen spielen u. a. Peter Kurth, Matthias Brandt, Leonie Benesch, Lars Eidinger, Mišel Maticevic, Fritzi Haberlandt, Jördis Triebel, Christian Friedel, Hannah Herzsprung, Benno Fürmann, Jeanette Hain, Marc Hosemann und Karl Markovics. Für Buch und Regie zeichnen Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries verantwortlich.

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