Coach Hansi Flick knurrte abwehrende Sätze ins Mikrofon. Nein, nein, kein Kommentar zum Schiedsrichter, sagte der Trainer des FC Barcelona nach dem herzzerreißenden Aus bei Atletico Madrid, es bringe ja doch nichts: "So sind das Leben und der Fußball." Zumindest einer seiner Topstars sah das am Ende einer atemlosen Champions-League-Nacht aber völlig anders: Er explodierte.
"Wir wurden beraubt!", schimpfte der verletzte Raphinha in der Mixed Zone des Stimmungsvulkans Estadio Metropolitano, in dem, wie die Sportzeitung Marca es beschrieb, "kein Konzert der Welt noch mehr Dezibel hätte erzeugen können". Raphinha brach ebenso aus, so heftig, dass ihm eine Strafe droht.
"Noch einmal ist es passiert", rief er, "diese Runde wurde uns gestohlen!" Er versuche zu verstehen, "warum der Schiedsrichter Angst hat, dass Barca weiterkommt. Unglaublich." Derlei Verschwörungstheorien sind beim Kontinentalverband UEFA traditionell nicht gerne gesehen. Vereinspräsident Joan Laporta nannte die Schiedsrichterleistung eine "unerträgliche Schande" und kündigte eine erneute Beschwerde an: wie nach dem Hinspiel.
Zunächst die Fakten. Barcelona ist raus, die Kämpfer von Atletico Madrid stehen im Halbfinale, trotz eines 1:2 (1:2) im Rückspiel – sie hatten in Barcelona 2:0 gewonnen. Die Umstände boten allerdings Anlass zu Diskussion und Interpretation, denn Barca fühlte sich in drei entscheidenden Situationen von Schiedsrichter Clement Turpin benachteiligt: Bei einem vermeintlichen Foul an Dani Olmo im Atlético-Strafraum (40.), bei der Aberkennung eines (Abseits-)Tores von Ferran Torres (55.) und bei der Roten Karte gegen Eric Garcia (80.) wegen einer Notbremse gegen Alexander Sörloth.
Nach einer Nacht emotionslos draufgeschaut, da ließe sich sagen: Das war alles schon okay so. El Mundo Deportivo berief allerdings einen Kronzeugen, der allzu gerne kritisch auf die heutigen Schiedsrichter blickt: den früheren deutschen Top-Referee Manuel Gräfe. "Nach Jahren muss man festhalten: Der VAR macht den Fußball schlechter", schrieb Gräfe bei X.
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Turpin habe bei Garcia mit Gelb das richtige Gespür gehabt, passend zu seiner Linie, der VAR-Eingriff und Turpins Beurteilung auf Basis eines Standbilds haben dann aber "das Spiel final gekillt, und das war dieses Spieles nicht angemessen". Der zeitungseigene Schiedsrichter-Experte hingegen sagte knapp: "Letzter Mann, klare Torchance, gute Entscheidung."
Hansi Flick war es gleich. Voller "Stolz" sprach er über seine Spieler, die besonders in der ersten Halbzeit grandiosen Fußball geboten hatten. Durch ihre 2:0-Führung zwangen sie Atlético, am Spiel aktiv teilzunehmen. "Wir haben eine fantastische erste Hälfte gespielt, hätten aber mehr Tore machen müssen", sagte Flick. "Wenn man auf beide Spiele schaut, hätten wir es verdient gehabt, weiterzukommen. Es ist sehr enttäuschend, aber wir kommen wieder."
Immerhin den Meistertitel hat Barcelona angesichts von neun Punkten Vorsprung auf Real Madrid fast sicher. Das ist allerdings nichts, womit die spanischen Fans beseelt ins Bett gehen, das weiß auch Flick. "Es ist ein großer Traum, die Champions League zu gewinnen", betonte er. "Wir sind auf dem richtigen Weg, wir haben eine junge Mannschaft. Wir werden uns weiter verbessern."
Atletico zieht weiter ins Halbfinale, nach "acht Minuten Nachspielzeit, die aus rot-weißer Sicht acht Jahre dauerten", wie die Marca schrieb. Trainer Diego Simeone habe an diesem 14. April "eine rot-weiße Republik ausgerufen".