"Überall ist es anders, als in Wien, das verwirrt", sagt ein Mitarbeiter des Sicherheitspersonals der Wiener Linien. "Dann gibt es noch die Touristen, die kommen ohne FFP2-Maske, tragen stattdessen normale OP-Maske. Andere wundern sich, dass es hier überhaupt noch eine Maskenpflicht gibt. Wieder andere finden, dass es einfach zu heiß ist, um Maske zu tragen."
All diesen Menschen sagen die Sicherheits-Mitarbeiter täglich höflich, dass sie sich bitte korrekt bedecken sollen. Anfang Juni mussten sie das 4.000 Mal pro Woche tun, inzwischen müssen sie bereits 5.000 Menschen pro Woche an die Einhaltung der Maskenpflicht erinnern. Die Maskenmoral lässt offenbar nach. Woran liegt es?
Vielen sei es einfach zu heiß, einige glaubten auch nicht an Corona oder an den Sinn des Masketragens. "Wir haben Verständnis, wir tragen die Maske im Dienst acht Stunden lang. In der Hitze ist es unangenehm. Mit Maske in der Hitze ist es noch viel unangenehmer". Trotzdem sprechen sie jeden an, "egal, wie er ausschaut".
"Wir beobachten auch, dass die Stimmung gegenüber unseren Mitarbeiter*innen, die kontrollieren, aggressiver wird. Mittlerweile kommt es auch zu tätlichen Angriffen. 2022 gab es bereits über 20 Vorfälle", so die Pressesprecherin der Wiener Linien, Katharina Steinwendtner.
Im Jahr 2020 gab es 172 Übergriffe auf Mitarbeiter des Sicherheitspersonals, ein Viertel davon entfielen auf den Zusammenhang mit der Maske. Im Jahr darauf waren es in der Summe weniger Übergriffe, 157 an der Zahl, aber ein Drittel davon bereits im Zusammenhang mit der Maske. Aktuell zu Jahresmitte gab es 22 Übergriffe, "eine positive Jahresbilanz können wir daraus aber noch nicht ableiten“, so die Pressesprecherin der Wiener Linien, Katharina Steinwendtner.
"Die meisten sind total freundlich, wenn wir sie darauf hinweisen. Oft sagen sie sogar Danke, weil sie es schlicht vergessen haben. Die ganz große Mehrheit ist einsichtig." Einige würden aber uneinsichtig, teilweise aggressiv reagieren. "Es kommt immer aufs Wetter, auf die Uhrzeit, auf den Ort an", so der Mitarbeiter.
Den tätowierten Zweimetermann könnten sie beim Maskenappell nicht einfach auslassen, nur weil er einschüchternd wirkt, sagt seine Kollegin. Außerdem hätten sie gelernt, es sei egal wie einer ausschaut. Gefahr geht manchmal von ganz harmlos wirkenden Typen aus. "Konfrontation zählt zu den Risiken in unserem Job. Es ist gut, dass wir dabei nicht allein sind". Sie sind immer in Zweier- oder Dreierteams unterwegs.
Aber Corona hat die Arbeit doch verändert. Ein Großteil ihrer Arbeitszeit gehe inzwischen für die Kontrolle der Maskenpflicht drauf. Die ständige Ansprache, das sei eine Herausforderung.
"Der Frust über Corona wächst", so die Beobachtung des Mitarbeiters. "Auch wenn sich der Großteil der Fahrgäste an die Maskenpflicht hält, bekommen die Mitarbeiter*innen die aggressive Stimmung einzelner leider stark zu spüren. Wir sind auch hier in enger Abstimmung mit der Polizei", sagt Steinwendtner.
Für den Fall eines psychischen oder physischen Übergriffs steht ein kompetentes Team des internen psychosozialen Dienstes bereit, das sich rasch um die Mitarbeiter*innen kümmert, ergänzt Steinwendtner.
Die Wiener Linien zeigen null Toleranz und bringen jeden Fall zur Anzeige. Dabei ist egal, ob der Übergriff verbal oder körperlich ist. Die Wiener Linien stellen die entstandenen Kosten durch Krankenstände und Einsatzkräfte auch in Rechnung und klagen diese wenn nötig auch ein, informiert Steinwendtner. Seit Beginn der Maskenpflicht im April 2020 wurden über 275.000 Personen angesprochen und über 800 Strafen verteilt (Stand: 24. Juni).
Einmal hat ein Mitarbeiter dieses Jahr nach einer unangenehm verlaufenen Maskenansprache das Buddyprogramm in Anspruch genommen. In dem Programm sind Kollegen, mit denen man nach psychisch belastenden Situationen sprechen kann. Das hat geholfen. Schlaflose Nächte hätte er deswegen nicht.