"Heute" zu Besuch in einem Wiener Frauenhaus

Wie sieht ein Frauenhaus von innen aus? Und wie funktioniert es? Die Wiener Frauenhäuser Chefin Andrea Brem öffnete "Heute" die doppelt verschlossene Tür.
In diesem noch jungen Jahr gab es bereits sechs Frauenmorde, fünf in Niederösterreich, vier davon sind Beziehungstaten von Männern. "Jedes Mal, wenn in den Medien von einem Frauenmord berichtet wird, dann glüht unsere Notrufnummer", erklärt Andrea Brem, Chefin der Wiener Frauenhäuser. Grund dafür sei, dass durch die Berichterstattung vielen Frauen erst bewusst werde, in welcher gefährlichen Situation sie sich befinden.

Besuch in einem Wiener Frauenhaus _NEU_
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CommentCreated with Sketch.1 Zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Die Adressen der ingesamt vier Wiener Frauenhäuser sind streng geheim. Auch die Adresse des Hauses, das "Heute" besuchen darf. Zu groß ist die Gefahr, dass Gewalttäter ihren Opfern bisher folgen. Erst wenn Frauen, die 24-stündige Notrufnummer gewählt haben, wird ihnen die Anschrift mitgeteilt. Viele Frauen kommen direkt über die Polizei oder über das Amt für Jugend und Familie. Einige erstatten im Frauenhaus Anzeige, damit ist es auch aktenkundig. "Auf der psychosozialen Ebene merkt man die Angst, die eine Frau hat. Die ist entweder da oder nicht", so Brem. Man merke schnell, ob eine Frau Gewalt erlebe, oder ob sie nur von einem Wohnproblem betroffen sei. Obdachlose Frauen werden an andere Institutionen weitergeleitet.

"Jedes Mal, wenn in den Medien von einem Frauenmord berichtet wird, dann glüht unsere Notrufnummer", erklärt Andrea Brem, Chefin der Wiener Frauenhäuser.


Nach sechs Monaten sollen Frauen wieder unabhängig sein

Andrea Brem zeigt uns das Zimmer einer 30-jährigen misshandelten Frau, die mit ihrem 5-jährigen Sohn aufgenommen wurde. An der Tür hängen einfache Rechenaufgaben. Das Zimmer ist gefüllt mit Gesellschaftsspielen und Spielsachen. Eine lila Lichterkette liegt auf der Anrichte, ein Holz-Puppenhaus steht neben dem Stockbett. Sie hat ein eigenes Bad mit Dusche, eine getrennte Toilette. Alles ist ordentlich, man fühlt sich wohl. Das wünscht sich Brem auch: "Die Frauen kommen natürlich in einer extremen schwierigen Lebensphase, daher ist wichtig, dass sie sich und ihre Kinder hier wohl fühlen", so die Frauenhaus-Chefin. Dennoch sei es nie einfach, wenn so viele Frauen zusammenleben.

Die junge Mutter merkte zwei Jahre nach der Eheschließung, dass ihr Mann sie übermäßig kontrollierte. Er fing an sie zu schlagen. Freundinnen und Ärzte halfen und erzählten vom Frauenhaus. Sie packte ihre Sachen, nahm ein Taxi und "jetzt darf sie so lange bleiben, wie sie will."

Nach 14 Tagen Ruhephase reicht man oft die Scheidung ein

Am Anfang brauchen die Frauen meist Ruhe und Erholung: 14 Tage nach Einzug beginnt die Phase, wo man eventuell eine Scheidung einreicht. Im Frauenhaus bekommen sie rechtliche Unterstützung und Beistand bei Arbeitssuche, Wohnungssuche, Schulwechsel der Kinder oder bei der Suche nach einem Kindergartenplatz. "Eben bei allem, was im Leben anfällt", so Brem.

Gemeinschaftsküche wird als sozialer Raum der Frauen genützt

Ein Zimmer weiter befindet sich die Gemeinschaftsküche und der Gemeinschaftsraum – er bietet Platz für rund sieben Frauen. Die Lebensmittel werden den Frauen zu Verfügung gestellt. "Hier lernen sie sich kennen und können ihre Lebensgeschichten teilen", erklärt Brem. Freundschaften entstehen, man hilft sich gegenseitig. Derzeit ist dieses Frauenhaus gut ausgelastet – mit 23 Regelplätzen und 30 Kindern. Platz für Frauen in Angst gebe es aber immer. Im schlimmsten Fall müssten eben zwei Frauen einen Wohnraum teilen.

24h Betreuung und Kameraüberwachung: Die Frauen sollen sich beschützt fühlen

Es gibt viele Sicherheitsmaßnahmen im Frauenhaus - unter anderem eine Direktverbindung zur Polizei, eine 24-Stunden Betreuung und Kontrolle des Eingangs. Auf Knopfdruck kommt die Wega und schützt betroffene Personen. "Die Frauen können jedoch jederzeit das Haus verlassen", betont Andrea Brem. In jeden Stock gibt es Bildschirme der Außenkameras. Sie zeigen, die umliegenden Straßen. Das ist für die Frauen gedacht, damit sie sich nicht unsicher fühlen. Die Zentrale hat jedoch den Überblick.

Eine gefährliche Situation wäre etwa ein Mann, der plötzlich vor der Straße steht. Andrea Brem: "Wenn das passiert, fordern wir die Männer auf wegzugehen, wenn sie das nicht tun, holen wir die Polizei. Ein Frauenhaus ist vor allem ein Platz, an dem es um Sicherheit geht. Wir sichern auch den Frauen zu, dass wir keine Auskünfte über sie weitergeben. Daran halten wir uns auch. Wenn jemand wissen will, ob eine Frau bei uns wohnt, teilen wir das nicht mit. Die Frauen können aber jederzeit telefonieren, sie können nach draußen gehen, das ist keine Sache."

Frauen und Kinder sind Psychoterror ausgesetzt

Der Grund, warum Frauen in ein Frauenhaus kommen ist die Gewalttätigkeit ihres Mannes oder Ex-Mannes. Es sind Frauen, die misshandelt worden sind, geschlagen worden sind. Sie sind Psycho-Terror ausgesetzt. "Da spreche ich nicht von Beziehungsstreit, weil den gibt es in jeder Beziehung, sondern von massiven Psychoterror und psychische Gewalt", stellt Brem klar.

Im Spielraum sollen Kinder wieder Kinder sein

Im Spielraum wird gespielt und Gespräche geführt. Die Kinder haben dort ein eigenes Betreuungsteam zur Verfügung. "Wir legen viel Wert darauf, dass die Kinder die Furchtbares erlebt haben auch gut betreut werden und dass sie Kinder sein dürfen", betont Brem. Therapeuten arbeiten mit den Kindern: Spieltherapie, pädagogische Gruppen, Freizeitaktivitäten wie in den Zoo gehen oder auch heilpädagogisches Voltigieren sind Aktivitäten.

Kosten: Unkostenbeitrag orientiert sich an Einkommen

Viele Frauen haben ein Einkommen. Frauen ohne Einkommen werden hingegen darin unterstützt ihre Ansprüche geltend zu machen. Die Frauen müssen, laut Frauenhaus-Chefin Brem, in der Unterkunft einen Beitrag zahlen. Dieser ist sozial gestaffelt. Er deckt die Kosten für Lebensmittel, Strom, Heizung und Betreuung. Die Höhe des Betrags hängt von der Kinderanzahl der Frauen ab. Wenn Frauen über keine Mittel verfügen, müssen sie auch nicht zahlen. Es werde den Frauen jedoch beigebracht, sich aus einem Abhängigkeitsverhältnis zu befreien.

Fünftes Frauenhaus kommt 2022

Derzeit gibt es in Wien vier Frauenhäuser. Im 5. Frauenhaus sollen Frauen und Kindern, die Schutz suchen, 50 neue, zusätzliche Plätze zur Verfügung stehen. Ab 2022 wird es damit insgesamt 225 Plätze in fünf Frauenhäusern geben. Damit wird die Europaratsrichtlinie (ein Platz im Frauenhaus pro 10.000 Einwohner) in Zukunft weit überschritten.

24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien: 01/71719

Frauenhaus-Notruf: 05 77 22

Alle Infos und Hilfe gibt es beim 24-Stunden Frauennotruf oder online.

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