Dieses Outfit wäre für viele Menschen wohl im Ausgang angebrachter gewesen als in einer Ausschuss-Sitzung des Deutschen Bundestags: Ein transparentes Oberteil mit Blumenranken- Applikationen, die den Blick auf sehr viel Haut, inklusive den BH, freigibt. Auch der abgeschnitten anmutende Pullover, der Arme und Hals verdeckt, macht die Sache nicht weniger heikel. Die Grünen-Politikerin und trans Frau Tessa Ganserer (46) dachte sich dabei offenbar nicht viel, denn zu einer Sitzung des Familien-Ausschusses am vergangenen Dienstag erschien sie genau so.
Tessa Ganserer hiess früher eigentlich Markus, ihr biologisches Geschlecht ist männlich. Im Januar 2019 gab sie bekannt, künftig als Frau unter dem Namen Tessa zu leben. Sie setzt sich im Parlament neben dem Thema Umweltschutz vor allem für die Rechte von trans Personen ein, so auch in besagtem Ausschuss, bei dem es um das sogenannte Selbstbestimmungsgesetz geht, das es – verkürzt gesagt – trans Personen erleichtern soll, ihre geschlechtliche Identität im Melderegister leichter ändern lassen zu können.
Weiter regt sich Schröder darüber auf, dass sich wiederum zu wenige Bundestagsabgeordnete aber auch Medien über Ganserers freizügiges Outfit aufregen und Ganserer offenbar genau das einkalkuliert habe: "Sie weiß, dass sich höchstwahrscheinlich niemand trauen wird, sie dafür zu kritisieren, zu groß ist die Sorge, ansonsten als "trans feindlich zu gelten". Als Vergleich nennt sie den SPD-Politiker Michael Jordi, der im Juli 2023 in Jeans, Turnschuhen und Polohemd im Bundestag erschien und dafür in den Medien scharf kritisiert wurde.
Eine weitere Politikerin, der Ganserers Outfit gegen den Strich geht, ist die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD, Beatrix von Storch. Auf X machte sie ihrem Unmut in einem Kurzvideo Luft. "Ich habe gerade zwei Ordnungsrufe und ein Ordnungsgeld von 1000 Euro erhalten, weil ich 'Herr Markus Ganserer' gesagt habe. Dieser Markus Ganserer sitzt im Netzhemd im Ausschuss, wir müssen uns seinen Bauchnabel, seine Brust und seinen Bauch anschauen!"
Weiter heißt es von der AfD-Politikerin: "Wenn das nicht eine Verletzung der Würde des Hauses ist, dann weiß ich auch nicht mehr. Er soll aufhören rumzuheulen, dass wir seinen Körper zum Gegenstand der Debatte machen. Er präsentiert seinen Körper immer wieder auf sehr unangenehme und aufdringliche Weise!"
Aber auch andere User und Userinnen sind nicht einverstanden mit Ganserers Kleiderwahl: Das Medien- und Nachrichtenunternehmen NIUS twittert: "Männer wie Tessa Ganserer glauben, dass Weiblichkeit aus den sexistischen Stereotypen besteht, die sie aus dem Internet und Pornofilmen kennen. Und so tauchen sie dann auch bei der Arbeit auf. Keine Frau würde es wagen, so im Bundestag herumzulaufen." User Stefan Werner ist in der Kritik etwas zurückhaltender: "Ganserer versteht trans als transparent und pfeift auf die sonst eher konservative Kleiderordnung im Deutschen Bundestag."
Nach zustimmenden Kommentaren muss man eher suchen. Die Hausordnung des Bundestags setzt lediglich Kleidung voraus, die "der Würde des Hauses" entsprechen – was das genau bedeutet, wird nicht näher ausgeführt. Ob Ganserers Outfit für sie Konsequenzen vonseiten des Bundestags hatte, ist bisher nicht bekannt. Eine Anfrage seitens 20 Minuten an die Pressestelle blieb bis zur Veröffentlichung des Artikels unbeantwortet.