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Blutiger Thriller im eisigen Indianerreservat

Ein totes Mädchen, ein Jäger, eine FBI-Agentin und jede Menge roter Schnee. Der neue Film von "Sicario"-Schreiber Taylor Sheridan.

Heute Redaktion
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Die europäischen Siedler brachten die amerikanischen Ureinwohner um ihr Land, die US-Regierung sprach den Vertriebenen schließlich ein paar wertlose Landstriche mitten im Nirgendwo zu. Rechtlich gesehen sind diese Reservate weitgehend autonom, sprich außerhalb der Befugnis der US-Behörden - wenn es nicht gerade um Mord geht.

Als im Wind-River-Indianerreservat die Leiche der 18-jährigen Natalie (Kelsey Asbille) gefunden wird, rückt daher erstmal nur die junge FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) an, um festzustellen, ob es sich um ein Gewaltverbrechen handelt. Das Opfer wurde vergewaltigt und starb an vereisten Lungen, das Resultat einer kilometerlangen Flucht durch den Schnee. Da jedoch offiziell kein Tötungsdelikt festgestellt werden kann, muss Jane ohne Verstärkung und unter der Schirmherrschaft der örtlichen Polizei ermitteln.

Immerhin kann die Agentin den erfahrenen Fährtenleser und Jäger Cory Lambert (Jeremy Renner) überreden, sie zu unterstützen. Cory wird im Reservat akzeptiert, seine Ex-Frau ist eine amerikanische Ureinwohnerin; er arbeitet für das United States Fish and Wildlife Service und ist in dieser Funktion vor allem damit beschäftigt, Wölfe und Pumas zu erlegen, die die Rinderherden der Bauern reißen. Auch seine eigene Tochter wurde vor Jahren ermordet, und schnell wird klar, dass Cory den Täter im Gegensatz zu Jane nicht lebend fangen möchte.

Thriller in den amerikanischen Außenzonen

Taylor Sheridan ist Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur, vor allem hinter der Kamera ist er auf knallharte Thriller, die in der (sozialen und politischen) Peripherie der US-Gesellschaft spielen, spezialisiert. "Sicario" (2015) thematisierte den Drogenkrieg an der mexikanischen Grenze, in "Hell or High Water" (das Skript brachte Sheridan eine Oscar-Nominierung ein) ging es um ein Brüderpaar, das in Texas Banken überfällt, um letztere daran zu hindern, ihre Familienranch einzukassieren. Nun zieht der begnadete Autor mit "Wind River" in den kalten Norden und führte dabei auch gleich Regie.

Gänsehaut

Sheridan nimmt sich viel Zeit, um neben den Hauptcharakteren auch die Tristesse und Ausweglosigkeit des Indianderreservats vorzustellen. Die kritische Komponente nimmt in der Thriller-Handlung - wie schon in "Sicario" - trotzdem niemals den Platz an der Sonne ein. Der gehört dem intensiven, Gänsehaut erzeugenden Spannungsaufbau.

Dabei ist "Wind River" kein Whodunnit, in dem die Zuschauer aus den vorhandenen Personen den wahrscheinlichsten Täter auswählen können. Vielmehr folgt das Publikum mit Jane und Cory einer Fährte, die schließlich ins Lager des mordenden Ungeheuers führt. Erst wird ermittelt, dann wird gejagt.

Sieht man von den manchmal etwas ausartenden Macho-Männerfreundschaftsmomenten des Films (etwa zwischen Cory und Natalies Vater) und der Frage ab, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, die männliche Hauptfigur mit einem amerikanischen Ureinwohner zu besetzen, ist "Wind River" ein brillanter Thriller geworden. Achtung: Am Ende spritzt reichlich Kunstblut.

"Wind River" startet am 9. Februar 2018 in den österreichischen Kinos.

(lfd)

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