Großbritannien wählt: Das musst du jetzt wissen

Am Donnerstag wird in Großbritannien ein neues Parlament gewählt. In der Realität ist es eine Stellvertreterwahl für den EU-Austritt und "Brexit-Boris" liegt vorne.

Das marode Gesundheitssystem, steigende Armut, knappe Kassen in den Kommunen, islamistische Anschläge – Probleme gibt es viele in Großbritannien. Während die beiden großen Parteien, die konservativen Tories und die sozialistische Labour, versuchen, sich hier mit Lösungen zu übertreffen, dominiert in Wahrheit ein Thema: Der Brexit.

Die Fronten sind klar abgesteckt: Wer die EU verlassen möchte, der stimmt am Donnerstag für die Tories (oder die Brexit-Party, die jedoch keine Rolle spielt). Alle, die bleiben wollen, stimmen für eine der übrigen Parteien: Seien es die Grünen, die ebenfalls keine Rolle spielen, die walisische Plaid Cymru (ausgesprochen Pleid Kamri), die Liberaldemokraten (LibDems), die Schottische Nationalpartei (SNP) oder Labour.

Die nordirischen Parteien sind ebenfalls eher Beiwerk – die erzkonservative DUP etwa, die lange die regierenden Tories gestützt hat – sind für den Brexit, die pro-irische Sinn Fein dagegen. Doch die weigert sich aus Prinzip, ihre Sitze im britischen Parlament anzunehmen.

In Umfragen lagen die Tories (43 Prozent) zuletzt mit rund zehn Prozentpunkten in Führung, gefolgt von Labour (33 Prozent). Doch der Vorsprung schrumpft seit Ausrufung der Wahlen deutlich. Nicht zuletzt, weil sich viele Wähler von den Liberaldemokraten ab- und zu Labour hingewandt haben. Denn die LibDems haben den taktischen Fehler begangen, den Brexit widerrufen zu wollen, sich also ohne neue Volksbefragung über das Referendum von 2016 hinwegzusetzen – demokratiepolitisch ein Eigentor. Von Umfragewerten über 20 Prozent sind sie mittlerweile auf unter 15 Prozent abgestürzt.

Doch in Großbritannien funktioniert das Wahlsystem anders als hierzulande: Es geht darum, Wahlkreise zu gewinnen und nicht landesweit auf eine insgesamt möglichst hohe Prozentzahl an Stimmen zu kommen. Das heißt: Derjenige Kandidat, der in einem Wahlkreis die meisten Stimmen hat, gewinnt diesen – selbst wenn er nur eine Stimme Vorsprung hat. Die Zahl der Stimmen der Verlierer werden irrelevant.

Die Partei, die mindestens 326 Wahlkreise gewinnt, holt die absolute Mehrheit im Parlament. Ansonsten muss koaliert werden, was in Großbritannien erst drei Mal in der Geschichte passiert ist. Daher wollen viele Brexit-Gegner taktisch wählen, also den Kandidaten (egal welcher Partei), der die besten Chancen im Wahlkreis hat, einem Tory den Sieg wegzuschnappen.

Labour und LibDems sowie einige andere Kandidaten haben etwa im Vorfeld ausgemacht, in bestimmten Wahlkreisen nicht gegeneinander anzutreten, um sich nicht gegenseitig Stimmen wegzunehmen und so einen Sieg der Tories zu ermöglichen.

Dabei hat Labour-Chef Jeremy Corbyn offiziell gar keine Position zum Brexit (auch wenn er 2016 dafür gestimmt hat). Er verspricht im Falle eines Wahlsiegs eine neue Abstimmung, um das Volk erneut entscheiden zu lassen. Er versucht damit, nicht nur das tief gespaltene Land zu einen, sondern auch den Fehler der LibDems zu vermeiden – auch wenn der Großteil der Labour-Basis für einen EU-Verbleib ist.

Sein größtes Problem ist aber, dass er große Sympathiedefizite hat: Einerseits gilt er als linkslinker Hardliner, andererseits wird ihm vorgeworfen, Antisemitismus in seiner Partei zu dulden – sogar das Wiesenthal-Zentrum warnt vor ihm. Er stellte vor Jahren das Existenzrecht Israels infrage und besuchte sogar einmal das Begräbnis eines Hamas-Terroristen. Selbst viele traditionelle Labour-Wähler finden Corbyn unwählbar – auch weil er den Atomausstieg fordert, der Hunderttausenden Menschen den Job kosten würde.

Premierminister Boris Johnson pflegt trotz des Besuchs einer teuren Privatschule und entsprechenden Seilschaften das Image des Mannes von der Straße. Doch er fällt immer wieder durch Ignoranz, Halbwahrheiten, sogar Lügen und Halbwissen zu wichtigen Themen auf. Seine Nähe und Bewunderung für US-Präsident Donald Trump stößt ebenfalls vielen Briten sauer auf.

Somit ist die Wahl zwischen Corbyn und Johnson für viele weniger eine Wahl für sondern gegen den jeweils anderen. Johnson hat aber noch ein Problem, nämlich die SNP in Schottland: Traditionell ist die ebenfalls konservative Partei ein natürlicher Verbündeter der Tories. Doch das arme Schottland, das stark von EU-Förderungen profitiert, ist mit überwältigender Mehrheit gegen einen Brexit. Diese Position vertritt auch die SNP, die weiters ein neues Unabhängigkeitsreferendum von Großbritannien fordert. Somit laufen viele konservative schottische Wähler von den Tories zur SNP über.

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