Cannes: Viel Auswahl, aber wenig klare Favoriten

Nach neun Tagen voll atemlosem Hochbetrieb merkt man, dass sich das Festival allmählich dem Ende zuneigt. Am Roten Teppich lässt die Euphorie der Fans ein wenig nach.

Am 19. Mai wartet als letzter Höhepunkt die Verleihung der Goldenen Palme. Das bedeutet Schwerarbeit für Cate Blanchett, die Jury-Präsidentin der 71. Filmfestspiele, und ihre prominenten Co-Juroren (unter anderem Kristen Stewart, Léa Seydoux und Regisseur Denis Villeneuve): Sie haben alle 21 Filme des Wettbewerbs gesehen und müssen nun entscheiden, wer den zweitwichtigsten Preis der Filmwelt (nach dem Oscar) nach Hause tragen darf.

Die Auswahl dürfte nicht einfach sein, denn der Wettbewerb ist dieses Jahr zwar stark in der Breite, aber es fehlen spektakuläre Favoriten. Wobei eine Favoriten-Position in Cannes nichts bedeuten muss: 2016 zum Beispiel wetteten alle Insider auf Gold für die deutsch-österreichische Tragikomödie „Toni Erdmann", doch die bekam dann von der Jury nicht einmal einen Trostpreis verliehen.

Schärfster Film des Wettbewerbs

Der prominenteste Regisseur, dem diesmal gute Chancen auf die Goldene Palme zugebilligt werden, ist der Amerikaner Spike Lee. Der ewige Provokateur des US-Kinos schuf mit der grellen Rassismus-Groteske "BlacKkKlansman" den politisch schärfsten Film des Wettbewerbs.

Die Realsatire über einen dunkelhäutigen Polizisten, der in einer Undercover-Aktion zum Boss einer lokalen Gruppe der weißen Rassisten vom Ku Klux Klan wird, ist unterhaltsam und hat viel Publikumspotenzial – wobei Spike Lee die Pointen auf eine Weise detonieren lässt, dass einem oft das Lachen im Hals steckenbleibt.

Die meisten anderen Kandidaten für einen der Festivalpreise haben ihre Basis eher im intimen Arthaus-Bereich als in den großen Multiplex-Kinopalästen. Keine Überraschung wäre es zum Beispiel, sollte die Italienierin Alice Rohrwacher den Wettbewerb gewinnen. Die Regisseurin schuf mit dem Drama "Happy As Lazzaro" eine berührende moderne Version der Lazarus-Saga, in der ein stiller junger Mann nach einem Unglück von den Toten aufersteht und fortan eine geradezu magische Ausstrahlung auf die Außenwelt entfaltet.

Starker Eindruck

Hoch im Kurs rangieren, was die Goldene Palme betrifft, auch Filmkünstler wie Pawel Pawlikowski (Polen), Jia Zhangke (China) oder Hirokazu Kore-eda (Japan), die mit ihren Dramen starken Eindruck hinterließen.

Komödien hatten, wie das bei Festival-Wettbewerben üblich ist, nur wenig Raum im Rennen um die Goldene Palme. Doch es gab auch Filme im Programm von Cannes, bei denen man herzhaft lachen konnte.

Als lustigster Beitrag der Filmfestspiele entpuppte sich die französische Komödie „Le Grand Bain", in der eine Gruppe von Neurotikern und Losern auf die verwegene Idee kommt, ein Männerteam in der der Damen-Domäne des Synchronschwimmens zu gründen.

Stars wie Ex-Bond-Schurke Mathieu Amalric, Guillaume Canet oder Benoit Poelvoorde schütteln unter dem strengen Kommando von Trainerin Virginie Efira ihre müden Knochen im Unterwasserballett: Das ist eine brüllend komische – aber niemals denunzierende – Angelegenheit, die einen sicheren Kinohit erwarten lässt. Der Film wird bei uns im Jänner 2019 unter dem Titel "Ein Becken voller Männer" ins Kino kommen.

Besonders Schmankerl



Noch einmal zurück zur Palmen-Gala von Cannes: Als Abschlussfilm hat das Festival ein ganz besonderes Schmankerl in petto. Nach der Preisverleihung wird am Samstag erstmals Terry Gilliams' "The Man Who Killed Don Quixote" gezeigt. Dieser Film hat eine ungewöhnliche Produktionsgeschichte.

Die Dreharbeiten begannen schon im Jahr 2000, mussten aus Finanz- und/oder Rechtegründen mehrmals gestoppt werden und endeten erst 2017. Bis zum Schluss versuchte ein Produzent, die Weltpremiere in Cannes gerichtlich untersagen zu lassen. Doch das Festival bekam Recht – und der Film hat nun auch einen regulären Starttermin. "Don Quixote" (mit Jonathan Pryce, Adam Driver und Olga Kurylenko) soll am 6. September in Österreich anlaufen. (Gunther Baumann, Cannes)

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