Seit 72 Tagen tobt Wladimir Putins brutaler Angriffskrieg in der Ukraine. Omnipräsent seither in Fernsehen und Radio: ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz. Am Freitag war der Journalist wieder einmal im Ö1-Morgenjournal zu Gast und sprach dabei über die aktuelle Situation in dem russischen Nachbarland. Zuletzt forderte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski eine Art "Marshallplan" für sein Land, es seien nicht nur Waffen sondern auch der wirtschaftliche Bereich für die Ukraine entscheidend.
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Wehrschütz, aktuell in Kiew, dazu: "Die Ukraine braucht einen Marshallplan während des Krieges und nicht nach dem Krieg." Dann gibt Wehrschütz ein Beispiel: "Eine Handelskette mit 40 Supermärkten im Raum Kiew und Umgebung. Acht dieser Supermärkte, darunter das Flaggschiff dieses Supermarktes, ist zerstört durch den Krieg. Warenbestand zerstört im Wert von umgerechnet einer Million Euro. Infrastruktur vernichtet. Zerstört die Ausstattung. Die Lieferanten müssen bezahlt werden. Die Kaufkraft der Bevölkerung ist drastisch gesunken. In den restlichen Supermärkten wird etwa die Hälfte dessen umgesetzt, was vor dem Krieg umgesetzt wird. Die Firma braucht eine Überbrückung, damit sie einerseits ihre Schulden bedienen kann und anderseits in den Wiederaufbau finanzieren kann."
Laut Wehrschütz sind Hunderte von Unternehmen in der Ukraine in einer ähnlichen Situation. Deshalb sei nicht nur Hilfe wirtschaftliche Hilfe sonder ein generelles Ende des Krieges so wichtig. "Doch die Frage ist: Jetzt helfen sie der Wirtschaft und bauen auf. Aber dann kommt der nächste russische Raketenangriff und die Bahnstrecke ist wieder kaputt."
Aktuell stocke der russische Vormarsch jedenfalls. "Das, was wir jetzt erleben, ist ein Vormarsch im Schneckentempo." Die Gründe dafür lägen im massiven Widerstand der Ukraine, dem ungünstigen Wetter für die russischen Panzer, den enormen Verlusten bei den russischen Spezialkräften sowie den westlichen Waffenlieferungen und Geheimdienstinformationen.
Einer Generalmobilmachung durch Wladimir Putin sieht Wehrschütz mit Skepsis. Zwar könnten bis zu 900.000 Soldaten im Rang von Rekruten mobilisiert werden. Doch die Frage sei, wie schnell die Soldaten ausgebildet werden könnten. "Natürlich kann ich frische Truppen aufheben. Doch die Frage ist: Ist das nur zusätzliches Kanonenfutter oder stärkt das die Kampfkraft?" Experten fürchten eine Mobilmachung am 9. Mai, dem wichtigsten russischen Feiertag zur Erinnerung des Sieges über Nazi-Deutschland.
Die jedenfalls, glaubt der erfahrene Journalist, reagiere auf die Drohgebärden aus dem Kreml jedenfalls mit Gleichmut. "Denn die Ukraine hat ganz alltägliche Sorgen."