Das passiert mit deinem Körper bei einem Atomunfall

Atomenergie ist nach wie vor sehr gefährlich. Österreich setzt auf Strom aus Öko-Quellen.
Atomenergie ist nach wie vor sehr gefährlich. Österreich setzt auf Strom aus Öko-Quellen.
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Vor 35 Jahren passierte der verheerende Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl. Die Folgen dauern bis heute an.

Am 26. April 1986 kam es im 4. Block des sowjetischen Atomkraftwerks infolge ungenügender Sicherheitsstandards, schwerwiegender Konstruktionsmängel beim Reaktor und Fehlbedienung durch das Personal zur vollständigen Zerstörung des Reaktors und des Reaktorgebäudes. Große Mengen radioaktiver Stoffe wurden in die Umwelt freigesetzt. Bedingt durch die Luftströmungen waren auch europäische Staaten betroffen, die hunderte und sogar tausende Kilometer vom Unfallort entfernt liegen.

Krankhafte Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung

Die Explosion hatte auf die Bevölkerung rund um den Reaktor katastrophale Auswirkungen. Je nachdem wie hoch jemand der Strahlenbelastung ausgesetzt war, sind gesundheitliche Schäden bereits innerhalb von Stunden, Tagen oder Wochen aufgetreten. "Es gab nach Tschernobyl eine Zunahme von Schilddrüsenkrebserkrankungen, vor allem bei Personen, die zum Zeitpunkt des Unfalls noch Kinder oder Jugendliche waren. Das ist eindeutig abgesichert. Es wird auch von anderen Tumoren oder der Zunahme von Leukämien berichtet, aber für diese Untersuchungen gibt es nicht genügend Belege. Vor allem der Einfluss anderer Faktoren wird da nicht hinreichend berücksichtigt", sagt er deutsche Radiologe Martin Steiner im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Generell gilt: Je höher die Dosis, desto schwerwiegender sind die Auswirkungen, desto schneller treten die Symptome auf, desto länger dauert die Erholungsphase, desto länger bleibt die Krankheit bestehen und desto geringer werden die Überlebenschancen.

Strahlenkrankheit als Folge

Ist der menschliche Körper einer zu hohen Belastung durch radioaktive Strahlung ausgesetzt kann er in gewissem Rahmen den Verlust an Zellen ausgleichen. Bei zu hohem Verlust kommt es jedoch zum Ausfall wichtiger Funktionen und die Symptome der Strahlenkrankheit treten auf. Wie intensiv man auf die Strahlung reagiert, ist individuell. Tatsächlich bestimmt die genetische Ausstattung jedes Menschen wie strahlenempfindlich oder -resistent er ist. Welche Faktoren dafür jedoch im Einzelnen verantwortlich sind, ist heute noch weitgehend unbekannt.

Die Maßeinheit Sievert (Sv) gibt die biologische Wirkung der radioaktiven Strahlung auf Menschen, Tiere oder Pflanzen an. Ein Sievert ist bereits eine sehr große Dosis. Üblich sind daher Angaben in tausendstel Sievert (Millisievert, mSv). Die Äquivalentdosis, der ein Mensch durchschnittlich im Jahr durch Umwelteinflüsse sowie durch medizinische Untersuchungen ausgesetzt ist, beträgt etwa 2,5 mSv. Wird dieser Wert grob überschritten, sendet der Körper Signale.

Leichte Form der Strahlenkrankheit (bis zu 1 Sv)

Grippeähnliche Beschwerden leichte Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Desorientierung, leicht erhöhtes Infektionsrisiko, vorübergehende Beeinträchtigung der männlichen Fortpflanzungsfähigkeit.

Schwere Strahlenkrankheit (ab 2 Sv)

Schwere Übelkeit, Erbrechen Haarausfall, schwacher Allgemeinzustand, erhöhtes Infektionsrisiko: Verminderung der Anzahl weißer Blutkörperchen, weibliche Unfruchtbarkeit (meist vorübergehend), Durchfall, Blutungen an Mundschleimhaut, Haut, Nieren, durch Verminderung der Anzahl Blutplättchen kommt es zur Blutarmut.

Führt bei 10 Prozent der Betroffenen innerhalb der ersten 30 Tage zum Tod.

Akute Strahlenkrankheit (4-6 Sv)

Hier treten obengenannte Beschwerden schneller, heftiger und stärker auf (Inkubationszeit von einigen Stunden bis wenigen Tagen).

Die Sterilität wird bleibend und die Genesungsdauer beträgt mehrere Monate bis zu einem Jahr. Ohne intensive medizinische Betreuung tritt der Tod innerhalb von 3 Monaten auf. Todesursachen sind meist Infektionen oder Blutungen.

Folgeerkrankungen der Belastung ab 6 Sv

Zerstörung des Knochenmarks sowie der Schleimhäute, auch im Verdauungstrakt.

Strahlenbelastungen zwischen 10 bis 20 Sv:

Übelkeit und Schwäche innerhalb weniger Minuten. Darauf folgt eine scheinbare Erholungsphase für mehrere Tage, die sogenannte Walking-Ghost-Phase, bis zum Einsetzen massiver Beschwerden bis hin zu Kreislaufversagen, irreparablen Organschäden und Tod innerhalb kurzer Zeit.

Auf molekularer Ebene schädigt die hochenergetische Strahlung das menschliche Erbgut. Bei geringen Strahlendosen gelingt es dem Körper zwar, den Schaden durch Reparaturprozesse schnell zu beheben, sind die Erbgut-Schäden jedoch zuviel, zerstört der programmierte Zelltod die Zelle.

Spätfolgen der Strahlenkrankheit

Überlebt man eine Strahlenkrankheit, so hat der Betroffene ein extrem hohes Risiko, an Krebs zu erkranken. Durch Untersuchungen bei Personengruppen, die einer Strahlung ausgesetzt waren, weiß man inzwischen um die krebsauslösende Wirkung radioaktiver Strahlung. So treten strahlenbedingte Krebs- und Leukämieerkrankungen erst Jahre oder Jahrzehnte nach einer Bestrahlung auf und lassen sich nicht von spontanen Erkrankungen unterscheiden. Auch niedrige Dosen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für bösartige Erkrankungen, wobei bestimmte Organe eher betroffen sind als andere, wie Untersuchungen zeigen.

Zwischen der Bestrahlung und dem vermehrten Auftreten von Krebserkrankungen besteht eine Latenzzeit, die für die einzelnen Krebsarten unterschiedlich lang ist. Die kürzesten Latenzzeiten für Erwachsene liegen bei strahlenbedingten Leukämien und Schilddrüsenkrebserkrankungen bei etwa acht Jahren. Bei Bestrahlung im Kindesalter liegen die Latenzzeiten bei zwei bis drei Jahren. Für die anderen Krebsarten liegen sie bei zehn Jahren und darüber.

Nukleares Notfallmanagement in Österreich

Österreich hat mit allen Kernkraftwerke betreibenden Nachbarstaaten bilaterale Abkommen geschlossen, die zu einer frühzeitigen Informationsweitergabe und zur engen Zusammenarbeit im Bereich der nuklearen Sicherheit und des Strahlenschutzes verpflichten. Auf Basis dieser bilateralen Abkommen wurde in den letzten Jahrzehnten der Austausch von notfallrelevanten Daten wie etwa der Online-Messwerte der Strahlenfrühwarnsysteme zwischen Österreich und seinen Nachbarstaaten vereinbart.

Österreich hat Vorsorge getroffen, dass im Anlassfall die Einnahme von Kaliumiodid-Tabletten als wichtige Schutzmaßnahme für Kinder und Jugendliche rasch flächendeckend durchgeführt werden kann.

Basierend auf der engen Zusammenarbeit beteiligen sich österreichische Behörden auch regelmäßig an Notfallübungen, die gemeinsam mit verschiedenen Nachbarstaaten abgehalten werden.

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