Samstag, 10 Uhr: Bei drei Ministern läutet kurz nacheinander das Telefon. Am Apparat: Peter Weinelt, Aufsichtsratschef der Wien Energie. Was er schildert, ist drastisch: Die Wien Energie brauche dringend Geld, viel Geld. Ab da ist Feuer am Dach, noch bekommt die Öffentlichkeit davon nichts mit.
Samstagnachmittag: Die Regierung beschließt, für Sonntagabend ein Krisentreffen einzuberufen. Das eigentliche Thema bleibt geheim, man spricht von einem Energiegipfel, wolle über den europäischen Strompreisdeckel reden. Sonntagfrüh erfährt das Land wie gewohnt über die "Krone" davon.
Sonntagabend sitzt die Regierung mit Vertretern der Energiewirtschaft im Kanzleramt, Wien (Eigentümer der Wien Energie) ist nur durch den Magistratsdirektor vertreten. Finanzstadtrat Peter Hanke hatte zunächst zugesagt, sich dann am Nachmittag entschuldigt. Aus der Sitzung sickert durch: Es fehlen 1,75 Milliarden Euro. Dabei bleibt es nicht.
Am Montag die nächste Hiobsbotschaft: Die Wien Energie könne zwar die 1,75 Milliarden mithilfe der Stadt aufbringen, für "weitere zu erwartende Finanzierungserfordernisse" benötige sie aber zusätzlich sechs Milliarden vom Bund, teilte Hanke Finanzminister Brunner schriftlich mit. Im Schreiben, das "Heute" vorliegt, ersucht Hanke, zwei Milliarden bis spätestens Dienstag 12 Uhr bereitzustellen.
Fließt kein Geld, wären die Folgen dramatisch: "ein recht unmittelbarer Ausschluss vom Börsenhandel" und die Rückabwicklung von Geschäften. Dadurch wären Energieverträge von zwei Millionen Kunden gefährdet. Der Bund wolle Wien helfen – via Kredit der Bundesfinanzierungsagentur. Bis Montagabend floss kein Geld. Hanke fordert wegen der "Mondpreise" einen bundesweiten "Schutzschirm" von zehn Milliarden. Auch andere Energieversorger könnten bald in Turbulenzen kommen.
Wien Energie ist Österreichs größter regionaler Energieanbieter, versorgt zwei Millionen Menschen und 230.000 Firmen mit Strom und Gas. 2021 erwirtschaftete man mit 2.180 Mitarbeitern 140 Millionen Gewinn, 61 Prozent weniger als 2020.