Der Händedruck kehrt zurück – bist du dabei?

Der Händedruck ist fix in unserem sozialen Leben integriert und sagt viel über das Gegenüber aus.
Der Händedruck ist fix in unserem sozialen Leben integriert und sagt viel über das Gegenüber aus.Getty Images/iStockphoto
Der Händedruck kehrt langsam in das soziale Leben zurück. Reichst du anderen wieder die Hand oder bleibst du lieber bei einer Alternative?

Die einen kostet es noch Überwindung, die anderen sehnen die Berührung herbei: Das Händeschütteln. Nach mehr als zwei Jahren Pandemie kehrt die altbekannte Geste wieder in unseren Alltag zurück. Es gibt gute Gründe, warum wir es wieder tun – trotz allem. Mit ein Grund für das "Comeback": Faust, Ellenbogen-Check und Co. fühlen sich auch nach zwei Jahren noch nicht so wirklich richtig an.

Zu tief sitzt das Ritual, wenn die Handflächen ineinander greifen, die Finger sich berühren, die Blicke sich treffen. Wieso machen wir das eigentlich? Eine so lange kulturelle Tradition, die ändere sich nicht einfach so in zwei Jahren Pandemie, sagt Martin Grunwald. Er ist Psychologe und leitet das Haptik-Forschungslabor an der Uni Leipzig. Der Mensch ist ein sogenanntes nesthockendes Säugetier. "Wir wachsen ganz stark mit körperlichen Interaktionen auf und sind entsprechend auf Körperkontakt zu anderen angewiesen." Besonders jetzt, nachdem vieles nur online stattfand, sehne sich der Berührungssinn nach Anregung.

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Ellenbogencheck: Knochig statt warm

Doch auch, wer sich mit der Faust oder per Ellenbogen begrüßt, berührt den anderen – nur anders. Reicht das nicht? "Das ist ein ganz anderes Körpergefühl, nichts Warmes, nichts Weiches. Sehr hart, knochig", sagt Grunwald. Beides sei nur ein Kompromiss. Der Wissenschaftler findet es erstaunlich, dass man schon zu Beginn der Pandemie solche Kompromisse gesucht und nicht einfach komplett auf körperliche Begrüßungsrituale verzichtet habe. Soziokulturell wird dem Sich-die-Handgeben noch eine andere Bedeutung zugeschrieben: "Das signalisiert "Ich komme in Frieden" und "Ich bin waffenlos"", sagt Grunwald.

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Bussi, Bussi

Tatsächlich brauche der Mensch den Handschlag nicht unbedingt, wohl aber die Begrüßung quasi als Friedenszeichen, sagt die Verhaltensbiologin Imme Gerke. Und doch ist das Handgeben, was viele schon seit der Kindheit machen, essenziell: "Wir müssen mit der Geste vertraut sein, damit sie ihren beruhigenden Effekt auf uns ausübt."

Was gut gemeint, aber fremd sei, kann auf den anderen sogar bedrohlich wirken. "Deswegen kommt der Handschlag zurück. Er ist uns vertraut. Je vertrauter desto beruhigender." Besonders in südlicheren Gefilden ist eine andere Geste besonders vertraut: Das Küsschen auf die Wange. Und obwohl es noch mehr Nähe mit sich bringt, auch mit Blick auf Infektionsrisiken geradezu abenteuerlich wirkt - auch dieses Ritual ist wieder da. Die Franzosen begrüßen sich längst wieder mit "Bisous", die Italiener entdecken langsam aber sicher ihre "Baci" wieder.

Die Hand als Informationskanal

Auch wenn die Bedürfnisse unterschiedlich sind – so ganz ohne Anfassen geht es wohl für niemanden. "Wir eignen uns die Umwelt durch Körperkontakt an", erklärt Martin Grunwald. Gut zu beobachten sei das zum Beispiel bei Neugeborenen: "Jeder will ein Baby auf den Arm nehmen. So wird es in der Familie, in der Gesellschaft aufgenommen." Sich gegenseitig die Hand zu geben, sei immer auch ein Informationskanal, sagt Grunwald. "Da spüre ich die Spannung, die Verfassung des anderen."

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