Im chinesischen Yunnan bereiten sich Krankenhäuser jedes Jahr auf ein ungewöhnliches Phänomen vor: Hunderte Menschen suchen medizinische Hilfe, weil sie nach dem Genuss eines Pilzes plötzlich winzige, elfengleiche Gestalten sehen. Diese Figuren marschieren unter Türen hindurch, klettern Wände hoch oder klammern sich an Möbel – und das alles nur durch den Verzehr des Pilzes Lanmaoa asiatica.
Dieser Pilz wächst in Symbiose mit Kiefern und ist in Yunnan während der Pilzsaison zwischen Juni und August eine beliebte Delikatesse. Auf Märkten und in Restaurants ist er wegen seines würzigen, umami-reichen Geschmacks gefragt. Allerdings warnt man dort eindringlich: Wer ihn nicht sorgfältig kocht, riskiert intensive Halluzinationen. So erzählt etwa der Biologe Colin Domnauer, dass er in einem Pilz-Hotpot-Lokal ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, den Pilz erst nach 15 Minuten Kochzeit zu essen – andernfalls könne man 'kleine Leute' sehen.
Wie die BBC berichtet, ist dieses Wissen in Yunnan weit verbreitet, doch außerhalb der Region bleibt der Pilz ein Rätsel. Domnauer, Doktorand an der University of Utah, untersucht die mysteriösen Effekte von L. asiatica, die in Berichten und wissenschaftlichen Studien seit Jahrzehnten für Staunen sorgen. Bereits 1991 beschrieben Forscher Fälle, in denen Menschen nach dem Verzehr des Pilzes sogenannte Lilliputaner-Halluzinationen – also Visionen von winzigen Menschen – erlebten.
Auch außerhalb Chinas gibt es Berichte: In Papua-Neuguinea und auf den Philippinen wurden ähnliche Symptome beobachtet. Domnauers genetische Analysen zeigten, dass es sich bei den dortigen Pilzen tatsächlich um dieselbe Art handelt – trotz optischer Unterschiede.
Bemerkenswert ist laut Domnauer, dass die Halluzinationen bei L. asiatica immer wieder das gleiche Muster zeigen: Die Wahrnehmung kleiner Menschen tritt bei fast allen Betroffenen auf – im Gegensatz zu anderen psychedelischen Substanzen, deren Effekte oft stark variieren. Die Wirkung hält zudem ungewöhnlich lange an: Die Visionen setzen meist 12 bis 24 Stunden nach dem Verzehr ein und können bis zu drei Tage dauern.
Inzwischen sind Forscher dem Geheimnis des Pilzes einen Schritt näher gekommen. Eine im Juni 2026 veröffentlichte Studie untersuchte das Erbgut von 53 Pilzproben aus der Gattung Lanmaoa. Dabei machten die Wissenschafter eine überraschende Entdeckung: Die bekannten genetischen Voraussetzungen für die Produktion von Psilocybin konnten bei Lanmaoa asiatica nicht nachgewiesen werden. Auch für Ibotensäure fanden sie keine entsprechenden Gene.
Damit dürfte hinter den ungewöhnlichen Halluzinationen eine bisher unbekannte psychoaktive Substanz stecken. Welcher Stoff tatsächlich dafür sorgt, dass Betroffene plötzlich winzige Menschen und Gestalten sehen, ist allerdings weiterhin ungeklärt. Die Forscher sprechen von Hinweisen auf eine bislang unbekannte psychoaktive Linie innerhalb der Pilzgattung.
Auch chemisch gibt der Pilz seine Geheimnisse nur langsam preis. Anfang 2026 konnten Forscher zwei bisher unbekannte Alkaloide aus Lanmaoa asiatica isolieren. Die neu entdeckten Stoffe erhielten die Namen Asiaticain A und Asiaticain B. Ob einer davon für die bizarren Halluzinationen verantwortlich ist, konnte bislang aber nicht nachgewiesen werden.